Bollywood – alles wie im Märchen? (by Bozica T.)

Bollywood – alles wie im Märchen? (by Bozica T.)

Bunte Kleider, Gesang, Tänze und ganz viel Drama, das verbinden wir mit Indiens Bollywoodwelt.
Entspricht diese Vorstellung der Wahrheit? Auf unserem Programm steht ein Musicalbesuch – also bietet sich die Gelegenheit, uns selbst ein Bild zu machen.

„Kingdom of Dreams“ etwas außerhalb von Neu Delhi gelegen, ist ein Ort zum Verlieben. Das Königreich der Träume wirkt wie ein Märchenbuch, eine Mischung aus 1001 Nacht und Disney. Zunächst weiß ich gar nicht, wohin ich schauen soll, überall gibt es etwas zum Staunen. In diesem „Palast“ besuchen wir mit unseren indischen Gastgebern das Musical „Bale, Bale“. An diese Vorstellung werden wir uns vermutlich auch in vielen Jahren noch erinnern. Es ist eine Geschichte über vertauschte Brautpaare und eine Hochzeit, die kein Ende findet. Eine hochemotionale Dramenszene jagt die nächste, auch Komik darf nicht fehlen. Da es mit unserem Hindi nicht weit her ist, erkennen wir die Witze nur am Gelächter des einheimischen Publikums, die Handlung an sich erschließt sich uns problemlos. Natürlich gibt es nach unendlichen Drehungen und Wendungen, Verzweiflung und Tränen ein Happyend für alle. Auch an Spezialeffekten fehlt es nicht: Darsteller schweben über die Köpfe des Publikums hinweg auf die Bühne, Bühnenbild und Lichteffekte sind beeindruckend.

Liebe und Verwirrung steht bei indischen Musicals auf der Beliebtheitsskala ganz oben. Selbst sexuelle Anspielungen sind durchaus erlaubt. Dabei fällt mir aber auf, dass es trotz der Andeutungen nie zum Kuss kommen darf. Ich frage meine Austauschpartnerin, warum das so ist. Sie meint, das sei doch ganz normal, da „küssen“ viel zu persönlich und intim sei. Überraschend ist für uns, dass auch ein schwules Pärchen auf der Bühne zueinander findet.

Meiner Austauschpartnerin Shraddha gefällt das Musical. Sie sagt, sie kann sich mit vielen Szenen durchaus identifizieren. In mancherlei Hinsicht bildet die Traumwelt auf der Bühne auch die reale Welt ab. Die Rollen in der Familie sind klar verteilt: Der Vater ist das Familienoberhaupt, der Mann, vor dem jeder Angst und Respekt hat. Er wird im Musical groß und mächtig dargestellt. Die Mutter geht dadurch zumindest auf der Bühne leider oft ein bisschen unter und dann gibt es noch die Hauptcharaktere, die das ganze Drama erst ins Rollen bringen. Die beiden Töchter verlieben sich ganz entgegen dem vom Vater getroffenen Arrangement jeweils in den Partner der anderen.

Der richtige Knüller kommt am Schluss. Ganz ohne Vorwarnung steigen die Darsteller von der Bühne und tanzen gemeinsam mit uns Zuschauern. Noch nie habe ich so etwas in einem Musical erlebt, aber es passt zur „traumhaften“ Umgebung und zeugt von der Freude, Spontanität und dem Spaß der Inder am Theater. Und diese Lust am Tanz ist einfach ansteckend und überträgt sich auf uns. Wir geben alles!

Luftballon, Rose, oder doch vielleicht ein Elefant? (by Svenja E.)

Luftballon, Rose, oder doch vielleicht ein Elefant? (by Svenja E.)

„Mit einem strahlenden Lächeln schaut sie mich an und hält mir einen Luftballon hin.“

Schätzungen von Kinderschützern zufolge arbeiten hier in Indien bis zu 60 Millionen Kinder, offiziell sind es ungefähr 13 Millionen. Weil ihre Eltern nicht genügend Geld verdienen, müssen sie mithelfen, um die gesamte Familie zu versorgen. Die Kinder werden ausgebeutet, sitzen in Hinterzimmern, Fabriken oder auf Märkten anstatt in der Schule. Oft ist die Arbeit gesundheitsschädlich, beispielsweise weil giftige Dämpfe freigesetzt werden. Zudem verdienen sie nicht besonders viel, oft unter 100 Rupien (ca. 1,20€) pro Tag.

In Indien ist, ähnlich wie in Deutschland, die Anstellung von Kindern unter 14 Jahren verboten. Hier wird allerdings nicht auf die strenge Durchsetzung dieses Gesetzes geachtet, sodass viele Betriebe Kinder einstellen. Die Kinder sind wehrlos und billige Arbeitskräfte und die Betriebe sind oftmals auf diese billigen Arbeitskräfte angewiesen.

Wenn die Kinder arbeiten, habe sie nicht die Chance, zur Schule zu gehen. Eigentlich ist Bildung zwar auch in Indien verpflichtend, aber vor allem an öffentlichen Schulen wird der Schulbesuch nicht genau überwacht. Deshalb gehen über 15% der Kinder nicht regelmäßig in die Schule, obwohl sie teilweise sogar eingeschult wurden. Vor allem auf dem Land werden Mädchen vom Schulbesuch abgehalten, da sie unabkömmliche Arbeitskräfte sind. Sie müssen zur Sicherung des Familienunterhalts beitragen, was wichtiger als ihre Schulbildung ist.

Die einzigen Kinderarbeiter, die wir selbst jedoch sehen, sind Straßenverkäufer. Sie verkaufen zum Beispiel Souvenirs, Rosen oder Luftballons und versuchen uns „mitleidige“ Touristen zum Kaufen zu bewegen. Mit einem traurigen Blick oder einem schüchternen Lächeln schaffen sie es schnell, unsere Blicke auf sich zu ziehen. Diese Mitleidsmasche würde sicherlich sehr gut funktionieren, wenn wir nicht wüssten, dass das Geld sowieso nicht bei ihnen ankommt. Die einzige Lösung dieses Problems, die uns einfällt, ist, ihnen direkt eine Flasche Wasser oder etwas Essen in die Hand zu drücken. Allerdings ist dies auch nicht bei jedem Kind möglich, deshalb bricht es uns immer wieder das Herz, tatenlos an den Kindern vorbei zu gehen.

Wenn ich mit meiner Austauschpartnerin und ihrer Familie unterwegs bin, beachten diese die Kinder kaum. Sie sind daran gewöhnt und kennen die Gesellschaft nicht anders, trotzdem tun auch ihnen die Kinder leid. Die Mutter meiner Austauschpartnerin  erzählt mir, dass sie manchmal Dinge der Kinder kauft. Außerdem gibt sie ihnen an heißen Tagen Wasser, weil sie dann großes Mitleid mit ihnen hat.

Leider können wir als Touristen nicht plötzlich die Welt verändern, auch unsere Gastfamilien können dies nicht. Die Kraft dazu haben nur große Organisationen, die oft mit Bundesstaaten oder Distrikten zusammenarbeiten, oder die indische Regierung. Diese fördern vor allem die Bildung von arbeitenden Kindern, um diesen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Sie sollen als Erwachsene selbst genug Geld verdienen, um für ihre Familie zu sorgen, ohne ihre Kinder zur Arbeit zu schicken. Die Projekte sind erfolgreich, es werden mehr Kinder eingeschult und die Alphabetisierungsrate hat sich verbessert. Trotzdem muss noch viel getan werden, um Kinderarbeit zu besiegen.

Auf Händen getragen (by August W.)

Auf Händen getragen (by August W.)

“No thanks” ist wohl der Satz, den ich in den letzten Tagen am meisten gesagt habe. Egal, ob man nach Hause kommt oder bei anderen zu Besuch ist, die Eltern oder die Angestellten bringen einem Essen, Trinken oder Snacks, ob man will oder nicht. Wenn man nichts isst, machen sich alle sofort Sorgen oder fühlen sich angegriffen. Am ersten Tag beim Frühstück wurden mir gleich viele verschiedene hausgemachte Gerichte vorgestellt, die Mutter von Adhaar wollte sogar auf ihren Teil verzichten, um ihn mir anbieten zu können. Jeden Tag darf ich mir ein Getränk aus dem immer vollen Kühlschrank aussuchen, auch hierbei wird geschaut, dass ich auf keinen Fall zu wenig einpacke.  Aber es gibt auch kleinere Gesten der Gastfreundschaft. Mir wird zum Beispiel immer die Tür aufgehalten und ich werde häufig gefragt, ob es mir gut geht. Auf Dauer wird dieser Umgang aber auch etwas anstrengend, weil ich diese Art von Extrabehandlung gar nicht gewohnt bin. Ähnlich verhält es sich mit dem Bezahlen. Erst am fünften Tag „durften“ viele von uns zum ersten Mal Geld ausgeben, aber auch das nur, weil die Austauschpartner auf dem Ausflug nicht dabei waren. Als Adhaar mich dann gefragt hat, was ich denn gekauft habe, wollte er mir sofort alles erstatten, obwohl ich natürlich darauf bestand, dass das absolut nicht nötig sei. Er grinste nur, „You will find this money in your bag“ (Du wirst das Geld in deinem Koffer finden).

In der Schule wurde am ersten Tag das komplette Sportfeld für uns geleert, obwohl gerade Unterricht war, nur damit wir zu zehnt Fußball spielen konnten. Für die indische Gastfreundschaft gibt es unendlich viele Beispiele. Das zeigt, wie sehr die indische Kultur Gäste schätzt und wie zuvorkommend sie behandelt werden. Aber nicht jeder ist so nett und höflich wie die Gastfamilien. Auf Straßenmärkten, vor Tempeln oder generell an Plätzen, an denen sich viele Menschen befinden, wird man als Ausländer auch mal schnell zu Freiwild. Ständig wird man fotografiert und wir hatten auch schon Fälle, in denen sich Fremde einfach dreist in unser Gruppenfoto schmuggelten, während ihre Freunde das Foto schossen. Da würde man sich schon wünschen, die Gastfreundschaft der Familien ließe sich auch auf das Leben in den Straßen übertragen.

So angenehm es auch ist von den Familien so verwöhnt zu werden, kann ich mich doch nicht so recht daran gewöhnen. Eigentlich habe ich schon seit zwei Wochen ein permanent schlechtes Gewissen.

Die Zukunft fest im Blick (by Lukas H.)

Die Zukunft fest im Blick (by Lukas H.)

„Wow!“, denke ich, als der knallgelbe Bus der Venkateshwar School an den Wachleuten vorbei durch das Schultor fährt. Der Komplex sticht eindeutig aus der Umgebung heraus. Das Schulgebäude selbst wirkt modern und auch die Außenanlagen sehen extrem gepflegt und sauber aus. Das glatte Gegenteil zu manchen anderen Schulen, die wir im Bezirk Rohini im Vorbeifahren sehen konnten. Raus aus dem Bus, betritt man den Empfangsbereich, der mehr an eine Hotelrezeption als eine Schule erinnert. Im Untergeschoss sind die Räume für die ganz Kleinen, ein Raum für den Kampfsport, einer fürs Tanzen, das Robotics-Labor und ein 3D Lab. Auf fünf weiteren Stockwerken sind die Klassenräume für die rund 2300 Schüler so angeordnet, dass man über das Geländer in die Tiefe schauen kann, direkt auf Tischtennisplatten und ein Badmintonfeld. Kommt man nach draußen, sieht man ein Schwimmbecken (inzwischen ohne Wasser), ein Tennisfeld, ein Basketballfeld, einen Spielplatz und ein Fußballfeld.

Aber nicht nur das Gebäude selbst sticht ins Auge. Auch die Sicherheit wird enorm ernst genommen. Direkt schon am ersten Morgen in der Schule habe ich die Wachleute bemerkt, die an den Eingangstoren ihre eigenen Räume haben. Und es sind nicht wenige. Ich habe auf jeden Fall über 40 Wachleute auf dem ganzen Gelände gezählt. An den Einfahrten und im Schulgebäude, wo sie überwachen, dass jeder sich an die Regeln in der Schule hält. Ich habe zum Beispiel beobachtet, wie ein Schüler im Auto eines befreundeten Mitschülers mitfahren wollte. Da musste dann erstmal eine eingetragene Vertrauensperson angerufen und alles genau überprüft werden. Das kann schon mal 20 Minuten dauern. Aber nur so kann die Sicherheit der Schüler absolut gewährleistet werden. Auch sonst ist die Schule mit dem modernsten Equipment ausgerüstet. Mehrere Fingerscanner zur morgendlichen Anwesenheitskontrolle, Überwachungskameras sogar in den Klassenräumen, moderne Computer und mehrere 3D Drucker zum Beispiel.

Den Lehrerinnen (90% sind Frauen, nur die Sportlehrer und die ”Assistenten” sind Männer) wird allgemein sehr viel Respekt entgegen gebracht. Auch habe ich das Gefühl, dass das Konzept der Schule stark darauf abzielt, Schüler auf ihre berufliche Zukunft vorzubereiten. Im Vordergrund steht, was den einzelnen Schülern liegt, darauf konzentrieren sie sich und das wird vertieft. So dass sie nachher besser und mit dem größtmöglichen Erfolg in den für sie am besten geeigneten Beruf einsteigen können. Nicht wie in Deutschland, wo doch eher versucht wird, die Schüler auf ein möglichst breites Berufsfeld vorzubereiten.

Mir ist auch aufgefallen, dass sich bei Fächern, die sie weniger interessant oder wichtig finden, wie beispielsweise Yoga oder manchmal auch auch Tanz die Krankenstation der Schule schlagartig füllt. Da nimmt man sich wohl gern eine kleine Auszeit. Die Schule bietet auch uns Deutschen viele interessante Aktivitäten, wie zum Beispiel eine Drohne flugfähig zu machen, sie zu verstehen und dann zu fliegen oder auch einen Gaming Wettbewerb. Ich finde, es ist definitiv kein Fehler, ein Schüler an der VGS zu sein!

Cashtag – MirGehtsGucci (by Benedikt K.)

Cashtag – MirGehtsGucci (by Benedikt K.)

Morgens aufwachen im eigenen Bett, danach die warme Regendusche genießen und darauf mit dem Gucci Handtuch abtrocknen.

So sieht mein Morgen aus. Abends vor dem Schlafengehen noch eine Massage in einem exklusiven Club. Nicht unbedingt die Vorstellung, die man üblicherweise mit Indien verbindet. Auch die bisherigen Blogeinträge der Indienfahrer haben mich darauf nicht unbedingt vorbereitet. Bei den ersten Gesprächen mit meinen deutschen Mitschülern stellt sich auch schnell heraus, dass es da doch deutliche Differenzen zum Lebensstandard der anderen Gastfamilien gibt. Und auch generell fällt sofort auf, dass die Schere zwischen Arm und Reich in der indischen Gesellschaft riesig ist. Dazu kommt, im Gegensatz zu unserem „Schwäbischen-Lifestyle“, zeigt die obere Schicht in Indien sehr gerne was sie hat. Schmuck, Kleidung, Häuser – man sieht den finanziellen Hintergrund sofort. Da steht dann der nagelneue Porsche Panamera umzingelt von Fahrrad Rikshas vor der Mall.
Etwas abgeben von dem Überfluss? ;- ) Ist hier wohl eher weniger üblich, obwohl es natürlich schon eine Menge Hilfsorganisationen gibt, die durch Spenden unterstützt werden.

Sammelbox für Rotis

Auch viele der Schüler der Venkateshwar School bringen täglich drei Rotis (rundes Fladenbrot) mit, die gesammelt und an die Armen in der Straße verteilt werden.

Das führt nicht nur zu unterschiedlichen Lebensumständen, sondern auch zu starken Differenzen bei der Bildung. So bekommen viele Kinder aus den untersten Schichten erst gar nicht die Chance, es zu Wohlstand zu bringen. Obwohl eigentlich alle Kinder zumindest in eine staatliche Schule gehen sollten, sehen wir vor allem auch auf dem Land und an den Touristenattraktionen genügend Kinder, die auf der Straße betteln oder unterbezahlte Tätigkeiten ausführen. Ergebnis, ein fast unausweichlicher „Teufelskreis“.

Näherin vor der Schule

Wer in Indien etwas auf sich hält, versucht sein Kind in einer der Tausenden Privatschulen unterzubringen, die es für fast jeden Geldbeutel gibt. Die kostenfreien staatlichen Schulen leiden unter großen Klassen und nicht immer motivierten Lehrern. Trotzdem bieten sie ihren Schülern die Chance auf einen guten Job und einen besseren Lebensstandard. Das Recht auf Bildung scheitert nicht selten auch an den Eltern, die ihre Kinder einfach nicht regelmäßig oder gar nicht zum Unterricht schicken. Während in der Mittel- und Oberschicht Indiens eine gute Schulbildung an allererster Stelle steht, wird sie in den ärmeren Schichten oft nicht so wichtig genommen.

Die Venkateshwar School ist eine gute Privatschule und die meisten Schüler

Schulgebäude

gehören zur indischen Mittelklasse, wobei auch 20% der Schüler kein Schulgeld bezahlen, weil sie nicht über die finanziellen Mittel verfügen. Die Lebensumstände meiner Gastfamilie sind hier schon die Ausnahme. Ich will es gar nicht verschweigen – die Gucci-Welt am Morgen und Abend ist durchaus angenehm, aber mir ist auch zu jeder Sekunde bewusst, dass der Alltag für die meisten hier ganz anders aussieht.

Unsere 10m² Schutzraum (by Alissa W.)

Unsere 10m² Schutzraum (by Alissa W.)

Wir steigen wie so oft in unseren Bus ein. Die Türen schließen sich hinter uns, alle nehmen ihre Plätze ein. Musik wird angemacht, Klimaanlagen eingestellt, Getränke ausgepackt. Der Bus ist hier unser hauptsächliches Fortbewegungsmittel, das uns überall hin begleitet und irgendwie auch zu unserem Zufluchtsort geworden ist. Ein Zufluchtsort vor den unfassbar heißen Temperaturen, der staubigen Luft, den Gerüchen, dem Lärm und den vielen Leuten, die uns so oft anstarren, uns penetrant Sachen andrehen wollen oder sogar ungeniert Fotos von uns machen. Dem Chaos und den vielen Eindrücken. Nicht dass das nicht auch wahnsinnig interessant wäre. Irgendwie haben wir uns ja auch ziemlich schnell daran gewöhnt, sodass all das mittlerweile eigentlich schon ganz normal geworden ist und wir diese Reizüberflutung vielleicht sogar in Deutschland etwas vermissen werden. Aber manchmal wird der Trubel einfach zu viel und die geballte Indienerfahrung einfach anstrengend. In solchen Momenten wirkt die 2 cm dicke Glasscheibe zwischen uns und der Außenwelt wie eine Schutzbarriere.

Wenn wir dann in unserem Bus durch die Straßen fahren, kann ich den Blick kaum vom Fenster abwenden. Die Welt da draußen erinnert an die riesigen Wimmelbilder, die wir noch aus unserer Kindheit kennen, nur dass wir keine versteckten Spielzeuge zwischen den vielen bunten Eindrücken entdecken, sondern Kühe, die einfach umherstreunen wie Straßenhunde, Leute, die auf den Ladeflächen fahrender Laster Karten spielen, Männer, die auf ihren klapprigen Motorrollern fahren und dabei 3 Meter lange Metallrohre unterm Arm halten und dadurch genauso viel Platz in Anspruch nehmen wie zwei PKWs. Aber auch bettelarme Familien, die auf dem Grünstreifen in der Mitte der Schnellstraße zwischen ihren wenigen Habseligkeiten auf dem dreckigen Boden liegen und aus Dingen, die wir für Müll halten würden ihr Zuhause ohne Dach und Wände eingerichtet haben. Kleine Kinder, die alleine an der roten Ampel zwischen den Autos umherstreifen, an Scheiben klopfen, um Rosen zu verkaufen. Genaugenommen müssen sie erst die Leute anbetteln, ihnen überhaupt die Scheibe zu öffnen. Irgendwie fühlt es sich dabei so an, als würden wir in unserer eigenen kleinen Welt, begrenzt durch die Karosserie unseres Busses, durch die richtige Welt Indiens fahren. Wir sind mittendrin, erleben alles hautnah mit, sind aber auch gleichzeitig weit weg davon und nähern uns allenfalls der Grenze. Sobald man aussteigt und selbst durch die Straßen läuft, verändert sich das. Als wären wir jetzt über die Grenze geschubst worden und schlängelten uns nun durch das Chaos hindurch, nur darum bemüht einen gewissen Sicherheitsabstand zu halten, ohne uns deshalb weniger mittendrin und ganz nah dran zu fühlen. Ein Perspektivenwechsel vom Beobachter zum „blonden Marsmenschen“ der die bunte, unordentliche und ‚interessant‘ riechende Alltagswelt Indiens erforscht.

„How can you guys even survive when you eat that less?“ (by Wencke M.)

„How can you guys even survive when you eat that less?“ (by Wencke M.)

Snacks

Immer noch satt von zahlreichen indischen Köstlichkeiten, die es zum Mittagessen gab, sitze ich nun im Auto und bin erst mal froh, nicht mehr „nein“ sagen zu müssen, wenn ich noch mehr Essen angeboten bekomme, obwohl ich eigentlich schon längst satt bin. Jedoch war meine Vermutung falsch: Nach nicht einmal 5 Minuten Autofahrt wird mir eine große Dose mit Nudeln hingehalten, mit dem Kommentar ,,lunch“. Etwas verwirrt lehne ich dankend ab. Nach einiger Zeit werde ich aber trotzdem dazu überredet, wenigstens einen kleinen ,,Snack“ zu essen. Immer wieder kommt die Frage: ,,How can you guys even survive if you eat that less?“
Ich hingegen frage mich, wie ich wie man es schafft, so viel zu essen. Der Inhalt meines Rucksacks besteht mindestens zu 50% aus Essen: Chips, Kekse, Pasta, Orangen, Äpfel und eine Dose mit Mango.

Schulessen

Mir wird von sämtlichen indischen Gerichten erzählt. Zwei sehr häufige und beliebte Gerichte beziehungsweise Snacks (der Unterschied erschließt sich uns nicht immer) sind ,,Pani Puri“, eine frittierte Teighülle mit einer Füllung bestehend aus Kartoffeln und Gemüse, die dann in eine wässrige Soße getunkt wird und ,,Momos“, die für uns eine Art vegetarische Maultaschen sind. Auch wir Deutschen sind absolut begeistert von den Momos, die fast überall am Straßenrand verkauft werden. Aber natürlich gibt es noch unendlich viele andere indische Gerichte, wie zum Beispiel ,,Alu Gobhi“ (Blumenkohl mit Kartoffeln), was in der Kantine der Venkateshwar School angeboten wird, oder aber auch Chapati, ein traditionelles Fladenbrot, was bei keiner Mahlzeit fehlen darf.

Schon gleich am ersten Tag wurde mir bewusst, was für eine wichtige Rolle das Essen in Indien spielt. Jedoch unterscheidet sich das dieses in vieler Hinsicht von dem, was wir in Europa kennen – nie schmeckt etwas nur süß, sauer oder salzig, sondern eher nach einer Mischung aus allen drei Geschmacksrichtungen: selbst bei Mc Donald‘s schmeckt alles nach den verschiedensten Gewürzen und unsere Austauschpartnerinnen salzen ihre Cola. Ganz normal werden mir die indischen Essgewohnheiten wohl nie vorkommen und meine Gastfamilie wird wahrscheinlich auch nicht aufgeben, mir mehr Essen angewöhnen zu wollen. Auch für den Gaumen ist Indien ein großes Abenteuer!

„Say No To Plastic Bags“ (by Niki B.)

„Say No To Plastic Bags“ (by Niki B.)

Ich habe mit vielem gerechnet, aber das überschreitet jede Vorstellungskraft! Müll auf den Straßen, Plastikflaschen überall, ja ganze Müllberge gibt es hier! Willkommen in Indien!

Als ich gleich am ersten Tag einen circa 20 Meter hohen Hügel aus purem Plastikmüll sah, war ich schockiert. Mein indischer Austauschschüler Pulkit erklärte mir, dass so etwas hier nichts Besonderes sei. In den letzten Tagen stellte ich viele Fragen zur Mülltrennung und Recycling in Neu-Delhi.

In Indien werden immerhin täglich 15.000 Tonnen Müll produziert, 9.000 davon in Neu-Delhi und zumindest ein Teil davon ist äußerst sichtbar. Das klingt viel, aber man muss wissen, dass ein Europäer deutlich mehr Müll produziert. Nur ist hier die Entsorgung wesentlich besser organisiert. Die Regierung in Indien bemüht sich redlich. Überall stehen inzwischen Mülleimer. Doch die Akzeptanz variiert je nach Region. Während im schicken Regierungsviertel kaum ein Papierchen zu sehen ist, drängt sich in den übrigen Vierteln ein ganz anderer Eindruck auf.

Das liegt zum einen an der Bevölkerungsdichte – es leben immerhin 23 Millionen Menschen in der Stadt, zum anderen an der Armut. Vor allem die Menschen, die ihr Leben auf der Straße verbringen, haben wenig Bewusstsein für saubere Straßen. Sie werfen ihren Müll einfach irgendwo hin. Um die allgegenwärtigen Straßenstände herum, an denen indisches „Fast Food“ auf Plastiktellern verkauft wird, sammeln sich bis zum Abend riesige Müllhaufen, für die sich niemand zuständig fühlt. Manche Bewohner von Neu Delhi werden von dem Phänomen so abgestoßen, dass sie dort gar nichts mehr kaufen wollen, obwohl sie durchaus Fans von leckerem Street Food sind. Es gibt auch Menschen, die sich durch das Aufsammeln oder auch dem Trennen von Müll ihr täglich Brot verdienen. Aber auch das hilft nicht entscheidend gegen die „Vermüllung“ vor allem in den großen Städten.

Und doch fördern meine Recherchen durchaus auch Lichtblicke zutage. Gerade in Familien mit höherem Bildungsgrad wird immer mehr auf die Wiederverwertung der Stoffe geachtet. Meine Familie zum Beispiel trennt „Paper“ und „Trash“. Das Papier („Paper“) wird direkt recycelt, der Rest („Trash“) verbrennt langsam auf den berüchtigten Müllbergen. Hierbei gewinnt man Energie oder es wachsen später tatsächlich neue Pflanzen auf der Asche! Auch an der „Venkateshwar Global School“, der Schule unserer Austauschpartner, wird auf Mülltrennung großen Wert gelegt.

Erfreulicherweise achtet vor allem die Generation unserer Austauschschüler auf Mülltrennung und Recycling, so dass Indien vielleicht doch auf gutem Weg ist, Gandhis Vision von einem sauberen Land zu erfüllen.
Dazu passt, dass ich heute in der Zeitung einen Artikel über ein Projekt gelesen habe, das einen Markt völlig frei von Plastik schaffen will. Insgesamt wollen 20 Märkte in Neu Delhi den Plastikverbrauch drastisch reduzieren und weitgehend von Plastiktüten absehen. Eine gute Sache! Auf alle Fälle scheint es gerade unter den Jüngeren ein deutlich größeres Bewusstsein für das Problem des überbordenden Mülls zu geben.

Tante Pinki heiratet (by Alizee R.)

Tante Pinki heiratet (by Alizee R.)

,,That‘s all for the wedding and I will need more.‘‘

Tante Pinki und Alizee

Pinki, die Tante meiner Austauschpartnerin, muss wohl Gedanken lesen können. Oder sie hat meinen ungläubigen Blick auf die Unmengen bunter Tüten, die direkt am Eingang aufgereiht stehen, aufgefangen. Sie sind alle Teil der aufwendigen Vorbereitungen für Pinkis Hochzeit im November, dem Höhepunkt der indischen Hochzeitssaison. Im September fand bereits die Verlobung statt, ebenfalls ein riesiges Fest mit einer Unmenge an Gästen und vielen Ritualen. Pinki, mit 25 für indische Verhältnisse schon eine ältere Braut, kannte ihren Bräutigam Ashkish, 27, zu diesem Zeitpunkt gerade mal etwas über eine Woche. Die beiden Familien hatten die Verbindung im Vorfeld arrangiert und dann verblieben Pinki und Ashkish einige Stunden Zeit, um sich kennenzulernen. Danach hieß es Daumen hoch oder runter. Hätten sich die beiden nicht gemocht, wäre die Suche der Familien weitergegangen. Manche städtische Familien lassen ihren Söhnen und Töchtern auch etwas mehr Zeit, um sich kennenzulernen und eine Entscheidung zu treffen, während auf dem Land Braut und Bräutigam sich auch häufig tatsächlich erst am Tag der Vermählung zum ersten Mal sehen. In Indien sind nach wie vor über 90% der Ehen arrangiert, wobei die Eltern, vor allem in den Großstädten, oft als „Dating Portal“ agieren und nicht selten auch die Serviceleistung professioneller Eheanbahner in Anspruch nehmen. Worauf kommt es bei der Wahl an? Gleicher finanzieller Hintergrund der Familien, ähnlicher Bildungsgrad und Hautton (je heller, desto besser). Modernere Familien sind durchaus auch für „love marriages“ offen, bei denen sich die Partner selbst finden. Aber wenn sich bis Ende 20 nichts tut, wird arrangiert.

Hochzeitsvermittler

Zur Hochzeit selbst trägt Pinki ein traditionelles nordindisches Hochzeitskleid in rot mit wertvollen Stickereien in Gold (lengha), für das der zukünftige Ehemann bezahlt. Der Preis solcher traditioneller Hochzeitskleider liegt bei ungefähr 6000 € dazu kommt der Anzug des Bräutigams, Sherwani genannt, der auch bei 3000 € liegt. Nach oben gibt natürlich keine Grenzen, je nachdem welche Stoffe verwendet werden und wie viel Edelmetall zum Einsatz kommt. Je schwerer das Hochzeitskleid, desto wertvoller ist es.

Nicht nur Braut und Bräutigam müssen sich auf die Zeremonie vorbereiten, sondern natürlich die gesamte Familie. So begleite ich meine Gastfamilie in ein großes Geschäft, um selbst dem 6-jährigen Bruder sehr zu seinem Ärger einen traditionellen Anzug zur Hochzeit zu kaufen. Da sich die ganzen Festivitäten über drei Tage erstrecken mit der Ringzeremonie als Höhepunkt, reicht natürlich eine Garnitur an Kleidern gar nicht aus. Es muss also kräftig geshoppt werden. In den Monaten von Oktober bis Januar herrscht Hochkonjunktur bei den Hochzeitsausstattern.

Hochzeitslocation

Weil bei Pinki alles so eng getaktet ist, werden jetzt gerade die Einladungen verschickt. 600  bis 1000 Gäste werden es wohl sein. Zunächst bekommen sie die Einladungen auf Papier (hard copy), dann gibt es noch eine Erinnerung über What’s App (soft copy) und dann, ganz und gar unverzichtbar, der Anruf. 600 bis 1000 Anrufe? Unvorstellbar, aber dabei hilft wohl die ganze Familie mit.

Nach der Hochzeit wird Pinki Teil von Ashishs Familie. Sie zieht mit ihm in sein Elternhaus, wo auch schon sein Bruder mit seiner Familie zusammen mit den Eltern lebt.

Die Hochzeit selbst werde ich leider verpassen, aber allein schon die Vorbereitungen zu beobachten und die Vorfreude mitzuerleben, ist äußerst spannend für mich.

Sehe ich etwa aus wie ein Marsmensch? (by Yara W.)

Sehe ich etwa aus wie ein Marsmensch? (by Yara W.)

In Indien hat so gut wie jeder dunkle, oft tiefschwarze Haare und mein blonder Kopf sticht schon deutlich heraus. Egal wo ich hingehe, jeder schaut mich an, als ob ich vom Mars käme. Natürlich war ich schon in Deutschland gewarnt worden, dass Blonde in Indien Massenaufläufe auslösen können. Das ist zum einen schon lustig, aber wenn man es am eigenen Leib erfährt, nach einiger Zeit auch echt anstrengend. Ich war zum Beispiel mit meiner Gastfamilie einkaufen und kaum betraten wir den kleinen Laden, richteten sich alle Blicke wie Pfeile auf mich. Es fühlt sich schon merkwürdig an, wenn man selbst in einer so großen Stadt wie Neu Delhi, wo die Menschen an westliche Touristen gewöhnt sind, so stark auffällt. Manche starren mich einfach unverhohlen an. Ich habe mich schon ein bisschen daran gewöhnt, und doch wünschte ich, ich würde nicht so auffallen und könnte die Zeit genießen, ohne mich pausenlos beobachtet zu fühlen. Viele versuchen auch mich anzusprechen und bitten um Selfies mit mir, als ob ich ein bekannter Filmstar wäre.

Andere begegnen mir aber auch sehr offen, wie zum Beispiel eine indische Tänzerin. Ich habe sie gefilmt, während sie einen traditionellen Tanz aufgeführt hat. Danach hat sie mich freundlich aufgefordert, mit ihr zu tanzen. Das war eine sehr herzliche Erfahrung.

Privatsphäre oder Diskretion spielen hier insgesamt keine so große Rolle. Vor allem die Verkäufer in Läden oder an Marktständen haben kein Problem damit, mir so richtig auf die Pelle zu rücken. Ich kann durchaus verstehen, dass sie etwas verkaufen müssen, um genug zum Essen nach Hause zu bringen, aber nur weil ich westlich aussehe, heißt das ja noch lange nicht, dass ich Geld habe und von jedem bedrängt werden will. Es ist total ungewohnt für mich, dass mir ständig gleich mehrere Personen folgen und mich beraten oder mir ihre Ware direkt ins Gesicht strecken. Gleichzeitig habe ich aber auch immer das Gefühl, dass sie traurig, enttäuscht oder sauer sind, wenn ich nichts kaufe.

Ihre indischen Kunden bedrängen sie übrigens deutlich weniger. Natürlich sinkt meine Kauflust deutlich, wenn sich der Preis automatisch verdoppelt oder verdreifacht, sobald sie mich sehen. Meine Gastfamilie und ich haben uns an einem Schmuckstand auf dem Markt nach Ringen umgesehen. Nach einiger Zeit habe ich einen Schönen entdeckt und wollte ihn kaufen. Er war nicht von hoher Qualität, man konnte ihn so verbiegen, dass er passt und hatte einfache blaue Steine angeordnet in einer Blumenform. Als ich versucht habe den Preis auszuhandeln, schoss er natürlich sofort in die Höhe. Es ist eine ganz neue Erfahrung für mich, so aus der Masse herauszustechen und anders als die anderen behandelt zu werden – noch ist es mir ziemlich unangenehm. Ich wäre lieber eine von hier als vom Mars!