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Eigene Wege (by Nina)

Eigene Wege (by Nina)

Mal eine Umarmung oder ein schnelles „Ich hab dich lieb“, ist etwas, was in meiner Familie ganz normal ist. Doch meine Gastfamilie in Indien zeigt diese Nähe zu den Familienmitgliedern anders. Natürlich haben sie sich trotzdem lieb. Aber es gibt doch große Unterschiede zum deutschen Familienleben, wie zum Beispiel eine klare Rollenverteilung zwischen Mann und Frau sowie einen unterschiedlichen Tagesablauf.

In Indien lebt oftmals die ganze Familie mit den Verwandten unter einem Dach. Also bestimmen mehrere Generationen das Familienleben und begegnen sich auf den ersten Blick distanzierter als wir es aus Deutschland gewohnt sind.

Family First

In meiner Gastfamilie sind Mutter und Großmutter Hausfrauen. Beide bleiben fast den ganzen Tag zuhause und kochen, machen Wäsche oder gehen auch mal auf den Markt zum Einkaufen ein. Die Großmutter spricht eigentlich nur dann mit mir, wenn sie fragt, ob ich etwas haben will, obwohl sie innerhalb der Familie ziemlich gesprächig ist. Ich sehe da schon einen deutlichen Unterschied zu den deutschen Frauen und Müttern, die ich so kenne. In den meisten Fällen machen auch sie Karriere und entscheiden wichtige Dinge für ihre Zukunft eigenständig.

Meine Austauschpartnerin sieht ihrer Mutter äußerlich zwar sehr ähnlich, aber sie will nicht so werden wie sie. Sie möchte gerne in den USA studieren und eine

Karriere als Technikerin machen. Allerdings ist meine Austauschpartnerin in vielen ihrer Ansichten sehr modern für indische Verhältnisse. Sie hält viele Rituale für sinnlos und würde beispielsweise nie bei „Karva Chauth“ mitmachen, einer Tradition, bei der Frauen einen Tag lang auf Wasser und Essen verzichten, weil das – so der Glaube – ihrem Mann ein längeres Leben beschert. Außerdem würde sie auch nicht ihre Karriere beenden, nur weil eine Ehe für sie arrangiert wird. Eine ihrer Tanten tat genau das, obwohl sie ein wirklich gutes Jobangebot in den USA gehabt hätte. An der Familie meiner Austauschpartnerin kann man sehr gut sehen, wie eng verwoben Tradition und Moderne im indischen Alltag sind.

Junge selbstbewusste Mädchen und Frauen, die ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen wollen, gibt es auch in Indien.

Keep India Clean (by Felix)

Keep India Clean (by Felix)

Recycling „Berg“

Sobald man das Haus verlässt, erkennt man ein großes Problem Indiens: Abfälle, die achtlos nahezu überall entsorgt werden. In der unmittelbaren Umgebung der Schule finden sich zwar nur selten bunte Verpackungsreste und Plastiktüten an den Straßenrändern. Doch kaum verlässt man die wohlhabenderen Stadtviertel, werden  die Abfallmengen sichtbar größer. Man kann Menschen beobachten, die Dinge einfach dort fallen lassen, wo sie gerade sind. Weiter außerhalb, an der Stadtgrenze Neu Delhis, findet man dann riesige Berge, die nur aus Müll bestehen.

In den indischen Großstädten gibt es also definitiv ein Problem, weil zu viele Menschen auf einem Fleck wohnen und zu viel Müll produzieren, der häufig nicht ordentlich entsorgt wird.

Wenn die indische Bevölkerung dieses Problem nicht entschieden angeht, besteht die Gefahr, dass sie früher oder später im Müll ersticken. Das haben Regierung und Teile der Bevölkerung erkannt. Auch wenn es beim Anblick der Müllberge nicht so scheint, gibt es doch gerade unter den jüngeren Indern ein deutliches Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Dies habe ich bei einem kurzen Gespräch mit meinem indischen Gastschüler festgestellt. Er sagt, dass es ihnen verboten sei, Plastik überhaupt zu nutzen und sie es so weitestgehend meiden würden. Auch erklärt er mir, dass der Müll hier, wie bei uns in Deutschland, getrennt werde. Im Alltag kann man tatsächlich deutliche Bemühungen zur Reduzierung von Plastik erkennen. So gibt es in unserer Austauschschule Getränke in wiederverwendbaren Flaschen, Trinkhalme und Geschirr werden aus alternativen Materialien angeboten.

Gepflegter öffentlicher Park

Auf einem Festival, das ich mit meinem Gastschüler besucht habe, hingen Plakate aus, die darauf hingewiesen haben, kein Trinkwasser zum Händewaschen zu nehmen. Und dennoch passiert es nicht selten, dass man winzige Plastikflaschen bekommt, die nur 200 ml fassen. So wird natürlich auch deutlich mehr Müll produziert, weil jeder bei diesen Temperaturen auch mal zwei bis drei von diesen Flaschen trinkt.

Ganz offensichtlich wird das Problem erkannt, ganz besonders unter den Jüngeren. Aber bei 1,3 Milliarden Menschen, von denen die Mehrheit auf dem Land lebt und einen geringen Bildungsstand hat, ist der Weg noch lang und es entsteht, trotz vieler guter Ansätze, zu viel Müll.

Alles für den Gast (by Lars)

Alles für den Gast (by Lars)

Willkommen fühlt man sich auf jeden Fall, wenn man in Indien ankommt. Alle sind freundlich, verhalten sich sehr nett uns gegenüber und erfüllen jeden Wunsch, den man äußert. Doch ist die Gastfreundlichkeit der Inder manchmal zu viel und man wird als Fremder von ihr überfordert?

Gastfreundschaft ist ein wichtiger Teil der indischen Kultur. Ab dem Moment der Ankunft am Flughafen merkt man das und wird von der Gastfamilie umsorgt. Man wird gefragt, ob man etwas zu essen haben will, ob man Durst hat oder ob man irgendwas Anderes benötigt. Das Wohlbefinden des Gastes wird dabei vor allem von den Eltern ganz groß geschrieben. Egal was man braucht, die Gasteltern kümmern sich darum und helfen.

Ab und an kann das jedoch auch ein bisschen viel werden. Wenn man zum Beispiel schon satt ist und deutlich macht, dass man wirklich keinen Nachschlag mehr will, bekommt man trotzdem nochmal geschöpft. Sonst könnte der Gast ja womöglich doch noch hungrig sein. Das kann schon zu einer Herausforderung werden. Wenn man jedoch überzeugend genug ist, schafft man es schließlich doch, die Familie davon zu überzeugen, dass man nicht dem Hungertod ins Auge sieht.

Noch schwieriger wird die Situation, wenn die Gasteltern jede Rechnung bezahlen wollen und wirklich alles für ihren Gast kaufen wollen. Da hilft nur heimlich einzukaufen und zu sagen, man wisse nicht mehr, wieviel Geld man bezahlt habe.

Aber auch die indische Gastfreundschaft stößt irgendwann an ihre Grenzen und die Gastgeber reagieren genervt. Wenn, um nur ein Beispiel zu nennen, die deutschen Austauschschüler Schlager über Bluetooth-Boxen laufen lassen und lauthals mitgröhlen. Kann man schon verstehen, dass das dann doch auch für indische Ohren zu viel wird.

Unsichtbar (by Matthias)

Unsichtbar (by Matthias)

Da liegt er und schläft, mitten in Neu Delhi, auf dem Autobahnstreifen, der die Straßen trennt, nur etwa einen Meter breit. Der Mann ist ärmlich gekleidet und sieht so aus, als würde er nichts besitzen außer den Sachen, die er am Leib trägt. Von solchen Schicksalen sieht man einige in der Großstadt. In manchen Gegenden sehe ich sogar zwanzig oder mehr Obdachlose an einem Ort schlafen, mitten in der Stadt, kein Schutz, nur harter Beton.

Armut ist ein großes Problem in Indien. Bei 1,4 Milliarden Einwohnern ist das wohl auch nicht überraschend. Und doch ist sie erschreckend und mir zuvor noch nie in diesem Ausmaß begegnet.  Was mich bestürzt ist, wie wenig die Mitmenschen davon betroffen scheinen, die Armut wird einfach ignoriert.

Findet man in Indien keine Arbeit oder nur eine für wenig Lohn hat man keine Perspektive und muss auf der Straße leben. Es gibt um die 220 Millionen Arbeitslose und unbeschäftigte Inder, was sich deutlich bemerkbar macht. An Orten mit vielen Touristen wird man von vielen bettelnden Menschen bedrängt. Oft sind es Kinder oder Menschen mit körperlichen Behinderungen, sie sollen mehr Mitleid erzeugen. Da empfindet man natürlich schnell Mitleid und tendiert immer wieder dazu, in die Tasche zu greifen. Niemand weiß jedoch, was mit dem Geld passiert, welches höchstwahrscheinlich nicht bei den Bettelnden bleibt. Nachhaltige Hilfe kann man so sicher nicht leisten.

Das Land funktioniert und bewältigt all die Probleme, die mit einer solch hohen Bevölkerung einhergehen auch ganz gut. Aber ich kann den Kontrast zwischen Arm und Reich und die Ungerechtigkeit, die damit einhergeht, nicht ignorieren.

Bei Alice im Wunderland (by Mia)

Bei Alice im Wunderland (by Mia)

Wenn wir durch das Tor zur Schule gehen, fühlen wir uns wie „Alice im Wunderland“. Plötzlich betreten wir eine ganz neue Welt.

Sofort erkennt man die vielen Unterschiede zwischen einer indischen Privatschule und unseren staatlichen Schulen und natürlich auch überhaupt zur Welt außerhalb der hohen Schulmauern. Die allgegenwärtigen Guards (Wächter) an den Toren versuchen dafür zu sorgen, dass es auch so bleibt. Draußen laufen Massen von Menschen zwischen Straßenhunden und Kühen herum, während auf dem riesigen Schulgelände alle in ihren blauen Schuluniformen Sport machen oder sich zum gemeinsamen Gesang aufstellen. Oft kommen wir zu spät zum Unterricht, weil die Tore schon geschlossen sind. Alle Schüler müssen normalerweise um Punkt 7 Uhr das Tor passiert haben. Kommen sie nur wenige Minuten zu spät, müssen sie zwei Strafrunden um das Basketball- und Volleyballfeld joggen. In der Wärme kein Vergnügen! Wer später als 8 Uhr eintrifft, kann gleich wieder nach Hause gehen und darf an diesem Tag nicht am Unterricht teilnehmen. Da die Eltern Schulgeld bezahlen, sorgt das nicht für Freude zuhause. Alle Verspätungen werden fein säuberlich in einem Buch notiert und wer dreimal auch nur ein wenig verspätet ist, muss auch nach Hause.

Die Schule ist nicht gerade billig. Im Jahr kostet die Ausbildung an der Venkateshwar Global School ungefähr 92000 Rupen, was 1165 Euro entspricht. 20 Prozent der Schüler stammen jedoch aus armen Verhältnissen und bezahlen kein Schulgeld. Das schreibt der Staat so vor. Mit dem Schulgeld leistet sich die Schule auch einige technische Raffinessen: 3D-Stühle, 3D-Drucker und Drohnen sind Standard.

Schulhof als Bühne, Spiel- und Sportplatz

Zumindest in den paar Unterrichtsstunden, die ich besuchte, fiel mir deutlich der Kontrast zu unseren Schulen auf. Die Schüler waren ziemlich laut, hörten kaum auf das, was die Lehrerin sagte. Das neue Thema wurde per Video erklärt und danach diktiert oder nachgesprochen. Auch waren mir die Themen alle schon bekannt. Richtig ernst wird es im indischen Schulsystem wohl nach Klasse 10. Da entscheiden standardisierte Test darüber, wer überhaupt weitermachen kann und vor allem in welchen Fächern. Sciences (Naturwissenschaften) haben dann einen hohen Rang – die braucht man für die beliebtesten Studiengänge Medizin, Ingenieurwissenschaften und IT. Da wird zusätzlich zur Privatschule viel Geld in Privatstunden am Nachmittag investiert. Die Konkurrenz um die Studienplätze ist einfach enorm und der Druck auf die Schüler dann auch.

Dann gibt es an der Schule auch noch ein eigenes Krankenzimmer mit einer Krankenschwester. Hier können sich die jüngeren Schüler etwas ausweinen oder sie bekommen auch Medikamente, falls es ihnen schlecht geht. Hier kann man nicht einfach der Sekretärin sagen, dass man Bauchweh hat und mit einem Laufzettel nach Hause gehen. Man wird nur abgeholt, wenn es einem „wirklich“ schlecht geht.

Es ist sehr interessant zu sehen, wie groß doch die Unterschiede zwischen Schulen in Indien und Deutschland sind. Ich weiß es jetzt noch mehr zu schätzen, dass bei uns alle kostenfrei gute Bildung genießen können.

„Fühlst du dich nicht verlassen?“ (by Julie)

„Fühlst du dich nicht verlassen?“ (by Julie)

Die “klassische” Familie, wie wir sie kennen mit Eltern und Kindern in einem Haus, gibt es hier in Indien zumeist nicht. Oft wohnen hier mindestens sieben Leute unter einem Dach – je nach Einkommen auch mit Angestellten.

Ich lebe in meiner Gastfamilie mit 12 Familienmitgliedern verteilt auf zwei kleine Stockwerke mit fünf Schlafzimmern und einem sehr kleinen Raum im Treppenhaus, wo das Hausmädchen schläft. So richtig getrennt sind die Stockwerke nicht voneinander – mitten durch den Flur zieht sich ein großes Gitter, durch das man sich jederzeit sehen und auch unterhalten kann. Zwei bis drei Leute teilen sich auf unserem Stockwerk immer ein Zimmer – Privatsphäre Fehlanzeige!

Als meine Austauschschülerin mir das erste Mal von ihrer Großfamilie erzählte, hatte ich Bilder von Chaos, Geschrei und Unruhe im Kopf. Ich hatte mir das Leben zuhause äußerst turbulent ausgemalt. Tatsächlich läuft der Alltag aber sehr organisiert ab, jeder erledigt die Aufgaben, die er zugeteilt bekommt.

Gleich nach meiner Ankunft in Delhi zeigt mir meine Gastfamilie ganz stolz das neue Haus, in das sie bald einziehen werden. Es ist deutlich größer als das jetzige mit mehr Schlafzimmern. Als meine Familie mich herumführt, zeigen sie mir auch die beiden neuen Zimmer für meine Austauschpartnerin und ihren kleinen Bruder. Zu meiner großen Überraschung erklären sie mir aber sofort, dass sie trotz eigener Zimmer nachts selbstverständlich noch ein Bett teilen würden.

Für mich unvorstellbar, ständig alle Familienmitglieder um mich herum zu haben oder gar ein Bett mit ihnen zu teilen! Als ich aber das Thema mit der Kusine meiner Austauschpartnerin anspreche, ist sie total schockiert darüber, dass „nur“ meine Eltern, meine Schwester und ich in unserem Haus leben. Ich erzähle ihr auch, dass ich öfters allein zu Hause bin. Sie fragt mich sofort, ob ich mich da nicht verlassen fühlen würde. Ich hatte darüber noch nie zuvor nachgedacht, auch weil ich mich nicht verlassen fühle, wenn ich mal alleine bin. Für mich ist es schon eher ungewohnt so viele Leute um mich zu haben.

Hier in Indien bedeutet die Familie alles, auch weil ohne diesen Zusammenhalt vieles gar nicht funktionieren würde. Davor habe ich sehr großen Respekt.

Die fremde Welt der Götter (by Kevin)

Die fremde Welt der Götter (by Kevin)

Ein Kirchenbesuch – in Deutschland nichts Spezielles. Man geht in die Kirche, nimmt Platz und hört dem Pfarrer zu.      In Indien sieht das komplett anders aus:

Erstaunt von den enormen Menschenmassen, die in den Tempel Chhatarpur strömen, erkennen wir sofort den ersten, großen Unterschied zu dem eher bescheidenen Grüppchen deutschen Kirchgänger. Aus Respekt vor den Göttern sollen wir alle unsere Schuhe vor dem Tempel ausziehen.  Nach einem kurzen Blick auf den Boden, empfinden wir das erstmal als gewisse Zumutung.

Nach der Sicherheitskontrolle – in unseren Kirchen eher unüblich – erwarteten uns überall Einblicke in eine neue Welt. Blumen über Blumen in den buntesten Farben. Teppiche überall auf dem Boden, auf denen Menschen zusammen sitzen. Es gibt sogar eine Bühne, auf der Leute auf Hindi singen. Für unser Ohr klingt der Gesang ungewohnt.

An vielen Stellen erblicken wir Figuren aus Stein oder Metall über und über mit farbenfrohem Schmuck behängt. Sie symbolisieren die vielen Götter der Inder und werden verehrt.

Der Tempel besteht nicht nur aus dem großzügigen Innenraum, es gehört auch eine Art Garten dazu, der sehr gepflegt ist. Man spurt, dass hier viel Wert auf Perfektion gelegt wird. Zugleich wirkt er aber auch dezenter als der eher protzig ausgeschmückte Innenraum. Auch hier gibt es einige Lautsprecher, aus denen hinduistische, religiöse Musik oder Gebetssprüche klingen. 

Insgesamt betrachtet überrascht mich am meisten der Unterschied zwischen dem Leben im Tempel und auf den “normalen“ Straßen Indiens. Auf der Straße vor dem Tempel ist die Armut nicht zu übersehen. Im Tempel selbst ist alles sehr gepflegt und sauber. Hier mischen sich auch die beiden Welten. Im Tempel treffen die unterschiedlichen Schichten – sonst so klar getrennt – offenbar aufeinander.

In all der Pracht hat mich dieser Umstand doch am meisten beeindruckt.

Von Kevin

Luxusgut Schule (by Jakob G.)

Luxusgut Schule (by Jakob G.)

Wenn wir an Indien denken, haben viele von uns Bilder von extremer Armut im Kopf. Die gibt es in Indien, viele leben auf der Straße und müssen mit sehr wenig Geld auskommen und im Dreck der Großstadt leben. Doch es gibt auch das krasse Gegenteil, die High Society lebt im Luxus in großen modernen Häusern mit Angestellten und allen nur denkbaren Bequemlichkeiten.

Diese so extrem unterschiedlichen Welten sind meist klar getrennt, so leben die Reichen in sogenannten “Gated Communities” mit Zäunen und bewachten Toren an gesicherten Wohnblocks. Auch die Schulen sind anders als in Deutschland strikt getrennt. Es gibt viele Privatschulen, die sehr gut ausgestattet sind, für die man aber hohe Schulgebühren zahlen muss. Auch in Privatschulen gibt es ein mit Zäunen gesichertes Schulgelände und mehr oder weniger wirksame Sicherheitskontrollen am Eingang. Da sich bei weitem nicht jeder eine Privatschule leisten kann, gehen viele Kinder aus ärmeren Familien in oft nur schlecht ausgestattete staatliche Schulen oder manchmal gehen sie auch gar nicht erst zur Schule.

Aber auch sonst gibt es viele Einrichtungen, die nur für die Oberschicht gemacht zu sein scheinen, so zum Beispiel die riesigen, oft halbleeren, Einkaufszentren im Kontrast zu den wuseligen und bunten Straßenmärkten für jedermann. Es gibt also nur wenige Berührungspunkte, wo sich die beiden Welten überschneiden, wie zum Beispiel auf der Straße oder vor Tempeln oder anderen Attraktionen. An diesen Orten beobachtet man dann häufig auch offensive Bettler oder Verkäufer, die versuchen, vermeintlich Wohlhabenden ihre Ramschware zu überhöhten Preisen zu verkaufen. Im Hinduismus gibt es den Glauben, dass der Segen eines Armen Glück bringt. Deshalb wohl geben viele wohlhabende Inder vor dem Tempelbesuch armen Menschen ein wenig Geld.

Diese Unterschiede und starren Grenzen erschweren es einem Menschen aus der armen Bevölkerungsschicht aufzusteigen und ein besseres Leben zu führen, zumal wenn er, vor allem auch bei der Bildung, von Anfang an nur zweitklassige Chacen hat.

Doch Indien geht das Problem zumindest bei der Bildung an. Privatschulen sind verpflichtet 20 Prozent von Schülern aus der ärmeren Bevölkerungsschicht nahezu kostenfrei aufzunehmen und es gibt inzwischen zumindest eine Schulpflicht zwischen 6 und 14, sodass zumindest fast alle zur Schule geschickt werden müssen. Dennoch gelingt bei uns in Deutschland der Ausgleich in Sachen Chancengleichheit zwischen Arm und Reich deutlich besser. Das habe ich hier in Indien verstanden und zu schätzen gelernt.

By Jakob

Bollywood – alles wie im Märchen? (by Bozica T.)

Bollywood – alles wie im Märchen? (by Bozica T.)

Bunte Kleider, Gesang, Tänze und ganz viel Drama, das verbinden wir mit Indiens Bollywoodwelt.
Entspricht diese Vorstellung der Wahrheit? Auf unserem Programm steht ein Musicalbesuch – also bietet sich die Gelegenheit, uns selbst ein Bild zu machen.

„Kingdom of Dreams“ etwas außerhalb von Neu Delhi gelegen, ist ein Ort zum Verlieben. Das Königreich der Träume wirkt wie ein Märchenbuch, eine Mischung aus 1001 Nacht und Disney. Zunächst weiß ich gar nicht, wohin ich schauen soll, überall gibt es etwas zum Staunen. In diesem „Palast“ besuchen wir mit unseren indischen Gastgebern das Musical „Bale, Bale“. An diese Vorstellung werden wir uns vermutlich auch in vielen Jahren noch erinnern. Es ist eine Geschichte über vertauschte Brautpaare und eine Hochzeit, die kein Ende findet. Eine hochemotionale Dramenszene jagt die nächste, auch Komik darf nicht fehlen. Da es mit unserem Hindi nicht weit her ist, erkennen wir die Witze nur am Gelächter des einheimischen Publikums, die Handlung an sich erschließt sich uns problemlos. Natürlich gibt es nach unendlichen Drehungen und Wendungen, Verzweiflung und Tränen ein Happyend für alle. Auch an Spezialeffekten fehlt es nicht: Darsteller schweben über die Köpfe des Publikums hinweg auf die Bühne, Bühnenbild und Lichteffekte sind beeindruckend.

Liebe und Verwirrung steht bei indischen Musicals auf der Beliebtheitsskala ganz oben. Selbst sexuelle Anspielungen sind durchaus erlaubt. Dabei fällt mir aber auf, dass es trotz der Andeutungen nie zum Kuss kommen darf. Ich frage meine Austauschpartnerin, warum das so ist. Sie meint, das sei doch ganz normal, da „küssen“ viel zu persönlich und intim sei. Überraschend ist für uns, dass auch ein schwules Pärchen auf der Bühne zueinander findet.

Meiner Austauschpartnerin Shraddha gefällt das Musical. Sie sagt, sie kann sich mit vielen Szenen durchaus identifizieren. In mancherlei Hinsicht bildet die Traumwelt auf der Bühne auch die reale Welt ab. Die Rollen in der Familie sind klar verteilt: Der Vater ist das Familienoberhaupt, der Mann, vor dem jeder Angst und Respekt hat. Er wird im Musical groß und mächtig dargestellt. Die Mutter geht dadurch zumindest auf der Bühne leider oft ein bisschen unter und dann gibt es noch die Hauptcharaktere, die das ganze Drama erst ins Rollen bringen. Die beiden Töchter verlieben sich ganz entgegen dem vom Vater getroffenen Arrangement jeweils in den Partner der anderen.

Der richtige Knüller kommt am Schluss. Ganz ohne Vorwarnung steigen die Darsteller von der Bühne und tanzen gemeinsam mit uns Zuschauern. Noch nie habe ich so etwas in einem Musical erlebt, aber es passt zur „traumhaften“ Umgebung und zeugt von der Freude, Spontanität und dem Spaß der Inder am Theater. Und diese Lust am Tanz ist einfach ansteckend und überträgt sich auf uns. Wir geben alles!

Luftballon, Rose, oder doch vielleicht ein Elefant? (by Svenja E.)

Luftballon, Rose, oder doch vielleicht ein Elefant? (by Svenja E.)

„Mit einem strahlenden Lächeln schaut sie mich an und hält mir einen Luftballon hin.“

Schätzungen von Kinderschützern zufolge arbeiten hier in Indien bis zu 60 Millionen Kinder, offiziell sind es ungefähr 13 Millionen. Weil ihre Eltern nicht genügend Geld verdienen, müssen sie mithelfen, um die gesamte Familie zu versorgen. Die Kinder werden ausgebeutet, sitzen in Hinterzimmern, Fabriken oder auf Märkten anstatt in der Schule. Oft ist die Arbeit gesundheitsschädlich, beispielsweise weil giftige Dämpfe freigesetzt werden. Zudem verdienen sie nicht besonders viel, oft unter 100 Rupien (ca. 1,20€) pro Tag.

In Indien ist, ähnlich wie in Deutschland, die Anstellung von Kindern unter 14 Jahren verboten. Hier wird allerdings nicht auf die strenge Durchsetzung dieses Gesetzes geachtet, sodass viele Betriebe Kinder einstellen. Die Kinder sind wehrlos und billige Arbeitskräfte und die Betriebe sind oftmals auf diese billigen Arbeitskräfte angewiesen.

Wenn die Kinder arbeiten, habe sie nicht die Chance, zur Schule zu gehen. Eigentlich ist Bildung zwar auch in Indien verpflichtend, aber vor allem an öffentlichen Schulen wird der Schulbesuch nicht genau überwacht. Deshalb gehen über 15% der Kinder nicht regelmäßig in die Schule, obwohl sie teilweise sogar eingeschult wurden. Vor allem auf dem Land werden Mädchen vom Schulbesuch abgehalten, da sie unabkömmliche Arbeitskräfte sind. Sie müssen zur Sicherung des Familienunterhalts beitragen, was wichtiger als ihre Schulbildung ist.

Die einzigen Kinderarbeiter, die wir selbst jedoch sehen, sind Straßenverkäufer. Sie verkaufen zum Beispiel Souvenirs, Rosen oder Luftballons und versuchen uns „mitleidige“ Touristen zum Kaufen zu bewegen. Mit einem traurigen Blick oder einem schüchternen Lächeln schaffen sie es schnell, unsere Blicke auf sich zu ziehen. Diese Mitleidsmasche würde sicherlich sehr gut funktionieren, wenn wir nicht wüssten, dass das Geld sowieso nicht bei ihnen ankommt. Die einzige Lösung dieses Problems, die uns einfällt, ist, ihnen direkt eine Flasche Wasser oder etwas Essen in die Hand zu drücken. Allerdings ist dies auch nicht bei jedem Kind möglich, deshalb bricht es uns immer wieder das Herz, tatenlos an den Kindern vorbei zu gehen.

Wenn ich mit meiner Austauschpartnerin und ihrer Familie unterwegs bin, beachten diese die Kinder kaum. Sie sind daran gewöhnt und kennen die Gesellschaft nicht anders, trotzdem tun auch ihnen die Kinder leid. Die Mutter meiner Austauschpartnerin  erzählt mir, dass sie manchmal Dinge der Kinder kauft. Außerdem gibt sie ihnen an heißen Tagen Wasser, weil sie dann großes Mitleid mit ihnen hat.

Leider können wir als Touristen nicht plötzlich die Welt verändern, auch unsere Gastfamilien können dies nicht. Die Kraft dazu haben nur große Organisationen, die oft mit Bundesstaaten oder Distrikten zusammenarbeiten, oder die indische Regierung. Diese fördern vor allem die Bildung von arbeitenden Kindern, um diesen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Sie sollen als Erwachsene selbst genug Geld verdienen, um für ihre Familie zu sorgen, ohne ihre Kinder zur Arbeit zu schicken. Die Projekte sind erfolgreich, es werden mehr Kinder eingeschult und die Alphabetisierungsrate hat sich verbessert. Trotzdem muss noch viel getan werden, um Kinderarbeit zu besiegen.