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Wenig Privatsphäre und Zähneputzen im Freien

Wenig Privatsphäre und Zähneputzen im Freien

Ein Artikel aus der Filderzeitung vom 3.12.2011
Von Jens Noll

Echterdingen Teilnehmer des ersten Schüleraustauschs des Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasiums mit Indien bringen einige ungewöhnliche und sehr viele positive Erfahrungen von ihrem Aufenthalt mit.

Baden-Württemberg fördert den Schüleraustausch mit dem wirtschaftlich aufstrebenden Land Indien. Auch das Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasium (PMHG) hat eine Anfrage von einer indischen Schule bekommen und diese prompt positiv beantwortet. „Indien hatte den Vorteil, dass man mit Englisch gut vorankommt. Das passte in unser Internationalisierungskonzept“, erklärt die Lehrerin Ulrike Weißenborn. Seit diesem Schuljahr setzt das Echterdinger Gymnasium verstärkt auf die Weltsprache: Im bilingualen Zug erhalten Schüler ab Klasse 5 mehr Englischunterricht, ab Klasse 7 auch Fachunterricht in englischer Sprache.
Anfang November flogen 17 Mädchen und Jungen im Alter von 16 und 17 Jahren mit drei Lehrern für zwei Wochen nach Sonepat. Die Stadt liegt im Bundesstaat Haryana, etwa 60 Kilometer nördlich von Delhi. „Die Gegend ist touristisch nicht so erschlossen“, berichtet Jens-Peter Rau, einer der Lehrer. „Wir haben tiefe Eindrücke bekommen in die indische Kultur, die man auch als Rucksacktourist nicht bekommt“, erzählt er.
Die Schüler waren in Gastfamilien untergebracht. „Man hat einfach sehen können, wie die Menschen dort leben und wie viele Familienmitglieder die haben“, erzählt Hannah Lea Walker. Sie war wie alle anderen Teilnehmer begeistert von der überschwänglichen Gastfreundschaft. „Wir wurden auf Händen getragen“, sagt sie. Von einer Begegnung, die sie zunächst geschockt habe, berichtet Rebecca Moos. Als sie eines Morgens aufwachte, stand eine sechsköpfige Familie um ihr Bett herum. „Das ist nicht schlimm“, sagt sie im Nachhinein. „Es zeigt einfach die Offenheit der Menschen dort.“ Dass die indischen Gastfamilien sehr oft Besuch von Freunden und Verwandten bekamen, erfuhren alle deutschen Schüler. „Die Privatsphäre war nicht so da. Das war nicht einfach, weil die Inder ständig an einem dranhängen. Erst war es lästig, aber hier in Deutschland vermisst man es plötzlich“, berichtet Maike Weller.
Waschbehälter statt Duschen, Zähneputzen unter freiem Himmel und einfache Toiletten – auch an die hygienischen Zustände mussten sich die deutschen Gäste erst gewöhnen. Interessante Erfahrungen machten sie mit dem Schulsystem: Der Respekt gegenüber den Lehrern, so sagen sie, sei in Indien sehr groß, zudem sitzen Jungen und Mädchen getrennt im Klassenzimmer. „Es wurden auch Schüler geschlagen, wenn sie ihre Hausaufgaben nicht hatten“, hat Rebecca Moos beobachtet. Imponiert hat den Gymnasiasten und ihren Lehrern jedoch, dass die indischen Austauschpartner bereits eine klare Vorstellung von ihrer weiteren schulischen und beruflichen Laufbahn hatten. Weniger klar war dafür die Luft im von Smog eingehüllten Ballungsraum rund um Delhi. Die Gruppe hat die indische Hauptstadt in der Freizeit ebenso besucht wie das berühmte Mausoleum Taj Mahal.
Im Juni kommen die indischen Austauschschüler zum Gegenbesuch. Eine Rückkehr nach Indien können sich manche der deutschen Schüler durchaus vorstellen. Rebecca Moos überlegt, dort nach dem Abi ein freiwilliges soziales Jahr zu absolvieren. Bereits im nächsten Jahr könnte sich ihre Mitschülerin Hannah Günther wieder auf die Reise machen. Sie wurde auf eine Hochzeit eingeladen.