Monthly Archives: November 2016

Familie über alles (by Victoria and Leonie)

Familie über alles (by Victoria and Leonie)

Habt ihr euch jemals darüber Gedanken gemacht, wie es wäre, wenn ihr euren Ehemann oder eure Ehefrau vorgeschrieben bekämt? Für uns ist es etwas Normales und vollkommen Natürliches aus Liebe und freiem Willen zu heiraten. Doch für 80 bis 90 Prozent der indischen Bevölkerung ist es anders. Die meisten indischen Eltern wollen selbst entscheiden, mit welchem Partner ihre Kinder den Rest ihres Lebens verbringen und gehen sogar manchmal so weit, dass die Kinder erst auf der Hochzeit ihren Zukünftigen kennenlernen.
Da sie mehr Menschenkenntnis und auch mehr Erfahrungen gesammelt haben, denken viele Eltern, dass sie bessere Entscheidungen in der Partnerwahl treffen können. Außerdem ist es ganz wichtig, dass die Familien zusammenpassen, was die Finanzen und die gesellschaftliche Stellung anbetrifft.
Außerhalb der großen Städte, in ländlichen Gebieten, den sogenannten „Villages“ (Dörfern), sind arrangierte Ehen an der Tagesordnung und es gibt wenig Ausnahmen. Sie sind fest in der indischen Tradition verankert, umspannen viele Generationen und dauern bis heute an. Alles wird von den beiden Familien ohne Mitwirkung von Tochter oder Sohn im Vorfeld eingefädelt.
img_8012_1Andererseits wollen viele Jugendliche in Großstädten wie Neu Delhi aus Liebe und freiem Willen heiraten, so wie wir es kennen. Da stoßen sie jedoch oft bei den Eltern oder auch den Großeltern auf wenig Verständnis, da sie die Traditionen beibehalten wollen. In Ausnahmefällen sind die Familien aber doch einverstanden, dass ihre Kinder ihren Partner selbst wählen wollen oder den ausgesuchten Partner wenigstens im Vorfeld kennen lernen können, um zu merken, ob man zueinander passt. Manchmal setzen die Töchter oder Söhne eine Liebesheirat auch einfach aus eigenen Stücken durch, und haben dann oft jahrelang keinen Kontakt mehr zu ihren Familien.

Wir waren neugierig und wollten herausfinden, wie unsere männlichen Austauschschüler die Rolle der Frau sehen. Bei unserer Befragung konnten wir keine großen Unterschiede zu unserer westlichen Einstellung entdecken: Auch indische Jungs würden ihren Frauen keine Vorschriften machen, was Kleidung, Beruf oder Kindererziehung anbetrifft. Was allerdings die Frau fürs Leben abetrifft, sind doch viele der Ansicht, dass ihre Eltern die beste Lebenspartnerin für sie finden könnten.
Man kann also davon ausgehen, dass die Tradition der arrangierten Ehe – in unterschiedlichen Formen – vermutlich noch einige Generationen überleben wird.

Kampf um die Schlagzeile (by ma´am Ulrike)

Kampf um die Schlagzeile (by ma´am Ulrike)

„Amerika liegt in den Wehen. In 48 Stunden wissen wir, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird.“ So hieß es schon kurz nach unserer Ankunft. Viele Inder schienen den amerikanischen Wahlkampf genauso fieberhaft zu verfolgen wie wir. Ausgesprochene Fans hatte Trump zu diesem Zeitpunkt wohl kaum. Es kursieren unzählige Witze über ihn, er sei ein Clown, sage heute dies und morgen das, sei unzuverlässig, schlichtweg kein Präsidentenmaterial. Auch die Presse stand ziemlich geschlossen hinter Hillary, soweit wir das erkennen konnten.

img_8267_1Dann platzt am Abend vor der Wahl die Bombe: Geldentwertung!!!

Seitdem ist das „Trump-Thema“ in den Medien und in der Wahrnehmung ganz eindeutig auf Platz zwei verbannt. Die meisten, mit denen wir so ins Gespräch kommen, sind zwar überrascht, oft auch entsetzt, dass es jetzt doch ein „Junge“ geworden ist, aber gleichzeitig überlegen alle fieberhaft, wie sie denn nun an gültiges Bargeld kommen könnten (und was aus den Stapeln von Schwarzgeld im Schrank wird).

„We Indians are used to adapting“ (“Wir sind anpassungsfähig”), sagt Namita, die stellvertretende Schulleiterin. Das gilt nicht nur für den SMOG, sondern auch für die Politik. Egal, wie viel Chaos Modis politischer Coup auch verursacht, viele sehen in ihm doch wieder den starken Mann, der die Geschicke des Landes kraftvoll in die Hand nimmt. img_8530_1Und auch mit einem Präsidenten Trump scheinen sich viele zu arrangieren. Vielleicht sei er doch nicht so schlecht für Indien. Auf alle Fälle zeige er sich kritisch gegenüber Muslimen und werde sicherlich kein Freund Pakistans, ist überall zu hören. Und wenn er tatsächlich in den USA produzieren lasse, dann schwäche das China und das sei allemal gut für Indien. Währenddessen bittet Premierminister Modi sein Land um Geduld und verspricht, dass alles gut werden, wenn man ihm nur genügend Zeit lasse.

So reiht man sich ein in die riesigen Schlangen vor den Banken und lässt die Dinge erstmal aus sich zu kommen.

Bild oben: Schlange vor einer Bank in Delhi

Hoch-Zeit (by Andrea)

Hoch-Zeit (by Andrea)

Was ist das? Das wollte ich von Khushi wissen, als ich einen riesigen Festplatz sah, der mich sofort an eine Bollywoodkulisse erinnerte.“Hier finden Hochzeiten statt“. Und kurz darauf bekam ich tatsächlich selbst die Chance, eine indische Hochzeit zu besuchen.2016-11-16-photo-00000023
Am Tag der Hochzeit putzte sich meine Gastfamilie ordentlich heraus, die Frauen zogen die schönsten Kleider an und stylten ihr Haar. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nicht die leiseste Ahnung davon, was mich gleich erwarten würde. Bevor es losging, mussten wir noch zu Hause eifrig Fotos schießen und als wir endlich bereit waren, besuchten wir noch schnell den Onkel und dessen Familie, zum Glück direkt in der Wohnung unter uns.
2016-11-16-photo-00000024Als wir nach gefühlten Stunden an der „Location „ ankamen, war die Party bereits in vollem Gange. Unüberhörbar laute indische Musik dröhnte über den Platz mit vielen Gästen, laut Kushi mindestens so an die 300. Danach fiel mein Blick auf die große geschmückte Bühne, auf der später das Brautpaar sitzen würde. Und schon wurde ich zum Buffet gezerrt.  Ich konnte meinen Augen kaum trauen: ein eigenes Zelt, das an allen Seiten mit Köstlichkeiten angefüllt war: Indische und internationale Spezialitäten wechselten sich ab, natürlich durfte auch ein Nachtischbuffet nicht fehlen, das ebenfalls riesige Ausmaße hatte. Danach besuchten wir die Bar, das Früchtebuffet, die Theke mit Tee, die Ecke mit Backwaren, den Domino’s Pizza – und den Costa Coffee Stand. Von dieser Fülle total erschlagen, hatte ich absolut keine Ahnung, was ich essen könnte und hielt mich erst mal an die Pizza. Nebenbei schaute ich auf eine  extra Bühne mit laufend neuen Tanzgruppen.2016-11-16-photo-00000031
Nach einiger Zeit kam der Bräutigam umringt von einer Menge ausgelassen feiernder Familienmitglieder. Es dauerte gut eine halbe Stunde, bis er die 100 m bis zur Bühne überwunden hatte. Er war wohl auf einem Pferd zum Festplatz geritten. Später am Abend kam dann auch die Braut dazu und es wurde ordentlich gefeiert. Die dann folgenden Hochzeitsrituale habe ich leider verpasst, da wir wieder nach Hause mussten, um am nächsten Tag fit zu sein.
Auch wenn ich nur einen ganz  kleinen Ausschnitt einer indischen Hochzeit beobachtet habe – so ein Fest erstreckt sich meist über drei Tage – war es doch ein eindringliches Erlebnis, das Lust auf mehr macht.

Tata – der Gigant auf Indiens Straßen (by Fabian und Leo)

Tata – der Gigant auf Indiens Straßen (by Fabian und Leo)

Auf jeder Straße und auf jedem Parkplatz sieht man sie, egal ob Lkw oder Pkw, die Autos des größten indischen Automobilherstellers, Tata. Die Geschichte begann 1945, als die Tata Engineering and Locmotive Ltd. gegründet würde. Sie stellten hauptsächlich Lokomotiven her. 1948 wurde in Zusammenarbeit mit dem britischen Unternehmen Marshall die erste Straßenwalze fertiggestellt. Durch eine Zusammenarbeit mit der Daimler Benz AG konnte 1954 das erste Nutzfahrzeug das Unternehmen verlassen.

1959 wurde das erste Forschungs- und Entwicklungslabor in Jamshedpur eröffnet. 1961 exportierte Tata das erste Mal Lkws ins Ausland und zwar nach Sri Lanka. 1966 wurde ein technisches Forschungslabor gegründet, das sich ausschließlich auf die Entwicklung von Automobilen konzentrieren sollte. Die endgültige Produktion von schweren Nutzfahrzeugen begann 1983. Mit dem Tata 407 lief 1987 das erste in Indien konstruierte Nutzfahrzeug vom Band.

img_7485_1Von 1994 bis 2001 konnte Tata Mercedes Benz Pkws produzieren, da Tata mit der Daimler Benz AG ein sogenanntes Joint- Venture abgeschlossen hatte. Mit dem Tata Indica wurde 1998 der erste komplett in Indien gefertigte Pkw produziert.

Tata fertigt nicht nur Lkws und Pkws, sondern seit 2005 auch Busse, da Tata den Busproduzenten Hispano Carrocera aufgekauft hat. Zu Tata gehören unter anderem auch Daewoo, der sechstgrößte Lkw Hersteller der Welt und seit 2008 Jaguar und Land Rover.

Der Tata Nano

Seit 2009 produziert Tata den Kleinstwagen Nano, der seither als billigstes viertüriges Auto der Welt gilt. Tata hatte sich beim Nano das Ziel gesetzt unter der ein Lakh Grenze zu bleiben ( 100000 Rupees entspricht etwa 1440 €) zu bleiben. img_8387_1Dies hatte bis dahin noch niemand geschafft. Hintergrund dafür war, dass Tata ein Auto auf den Markt bringen wollte, welches den gleichen Preis wie ein Scooter haben sollte, den viele ärmere Familien sich gerademal so leisten können und auf dem sie oftmals zu viert fahren, was im indischen Straßenverkehr äußerst gefährlich. Deshalb wollte Tata mit dem Nano für mehr Sicherheit im indischen Straßenverkehr sorgen, eben vor allem für ärmere Leute.

Um die ein Lakh Grenze einhalten zu können, musste Tata starke Abstriche in puncto Qualität und Sicherheit machen. Beispielsweise gibt es im Tata weder Airbags noch ABS. Auch ein Radio ist nicht erhältlich. Nicht einmal eine Servolenkung ist an Bord. Außerdem wurde möglichst viel Kunststoff statt Blech verarbeitet.

Die Verkaufszahlen blieben jedoch weit hinter den Erwartungen zurück.  2012 im besten Jahr wurden gerade einmal ca. 75000 Nanos verkauft. Dies liegt daran, dass der Nano in der indischen Mittelschicht als Armutsbeweis angesehen wird.

Lord Krishna im Wohnzimmer (by Victoria H.)

Lord Krishna im Wohnzimmer (by Victoria H.)

Jeden Morgen und jeden Abend kniet die Mutter meiner Austauschpartnerin auf dem Boden in der Nähe der Küche vor einem Zimmertempel mit zwei Statuen und mehreren Götterbildnissen. Sie singt laut zu indischer Musik und schwingt nebenher ein Glockenarmband im Takt.  Die Zeremonie dauert kaum mehr als fünf Minuten, dann ist sie vorüber und der normale Alltag geht weiter.

Ein Minitempel in der Wohnung? Das macht mich dann doch neugierig. Er besteht meist aus einer freien Fläche, oft in der Größe eines Regals, auf der die Inder Bilder oder Statuen von den Göttern aufstellen, die sie verehren. Welche das genau sind, ändert sich von Bezirk zu Bezirk und richtet sich auch nach persönlichem Geschmack – immerhin gibt es eine verwirrend große Anzahl von Göttern zur Auswahl, oft mit mehreren Namen, was die Sache für uns noch schwerer durchschaubar macht. Der Tempel steht immer etwas abgetrennt vom Wohnzimmer, ein eigener kleiner Bereich, jedoch immer in der Nähe der Küche, da es hier besonders reinlich zugeht. Der Gott, den viele Inder in diesem Bezirk Delhis anbeten, ist Lord Krishna. img_8095_1Er ist im Kindesalter und wird nie älter als 16 Jahre dargestellt. Was ihn auszeichnet und unverwechselbar macht, ist seine blaue Hautfarbe. Außerdem wird er immer mit mindestens einer Pfauenfeder als Kopfschmuck dargestellt. Wie jeder Gott hat Lord Krishna etwas Wunderbares vollbracht: als kleines Kind im Alter von 4 hob er einen Berg mit der Spitze seines Fingers an, um das Volk und die Tiere und die Pflanzen vor einen fürchterlichen Regen zu schützen.

Viele Inder beten ihn an und bitten um Hilfe in schwierigen Lebenssituationen. Obwohl wir natürlich keine Tempel in unseren Wohnungen haben, ist die Zeremonie trotzdem vergleichbar mit unserem christlichen Gebet zu Gott oder Jesus. Denn auch wir beten um Hilfe, Rat oder Vergebung.

Die „Herausforderungen“ eines Sportlehrers in Indien (by Mr. Thorsten)

Die „Herausforderungen“ eines Sportlehrers in Indien (by Mr. Thorsten)

Für manche mag das jetzt überraschend sein, aber Sportlehrer unterrichten nicht nur Sport, nein, sie betreiben auch selbst Sport und das meistens sogar mehrmals die Woche. Schließlich wollen wir unseren Schülern nicht nur erzählen, dass Sport gesund ist und Spaß macht, sondern es auch vorleben. Außerdem hat sich bei uns Sportlern der kindliche Bewegungsdrang nie verabschiedet 😉 . Auch wenn es an unserer Schule das Gerücht gibt, es gäbe Sportlehrer, die Sport machen ohne sich zu bewegen.

thorsten-1Was macht man nun also als Sportlehrer, wenn man knapp zwei Wochen in einer Stadt verbringt, in der selbst die kleinste Strecke mit einem motorisierten Fahrzeug zurückgelegt, so gut wie gar nicht gelaufen und der Bewegungsdrang zunehmend größer wird?

Enthusiastisch – und auch ein wenig naiv – habe ich einfach mal Sportausrüstung und Laufschuhe mitgenommen. Aber schon kurz nach der Ankunft und den ersten Kilometern im Bus auf der Straße wird mir klar, das mit dem Joggen wird wohl nichts. Zum einem ist einfach jede Straße überfüllt (und damit nicht ungefährlich) und Neu-Delhi lädt auch nicht gerade zu Sport an „frischer Luft“ ein.

Als ich dann erfahre, dass ich an einem Tag (an welchem die Schüler in ihren Gastfamilien bleiben würden) meinen indischen Kollegen Sumit als Guide und Fahrer zur Seite gestellt bekommen würde, kam mir die Idee: In Neu-Delhi muss es doch eine Crossfit-Box geben. (Anmerkung: Crossfit ist ein Training, bei dem Ausdauer-, Kraft-, Schnelligkeits- und Koordinationstraining miteinander kombiniert wird. Es genauer zu erklären würde zu lange dauern.) Und natürlich wird „Tante Google“ fündig. Also schnell eine E-Mail geschrieben, ob ich für einen „Drop-in“ vorbeikommen könnte und kurze Zeit später die Antwort erhalten: „Yes come over. It would be a pleasure for us!“. Spitze.

thorsten-3Montag 14.11.: Aufstehen, frühstücken, Sportsachen packen und los geht’s. An der Box angekommen die erste Erleichterung, es ist offen.Ich werde freundlich begrüßt und ausgefragt: Wo ich herkomme? Wo „meine“ Box ist? Ob es mir gefällt? Wie lange ich schon Crossfit mache? …. usw. Schnell umziehen und das  Training kann beginnen – es ist übrigens auch ein Geschäftsmann aus Las Vegas da. Warm-up, Technik- und Krafttraining, das eigentliche WOD (Workout Of the Day) – 150 Wall Balls auf Zeit mit einem 20 lbs. schweren Medizinball – und dann cool-down. Nach knapp eineinhalb Stunden verlasse ich geduscht und ausgepowert – aber zufrieden – die Box. Jetzt kann die Tour durch Neu-Delhi mit Sumit losgehen.

Ein Hundeleben auf Indiens Straßen (by Lene)

Ein Hundeleben auf Indiens Straßen (by Lene)

Als Hund in Indien wärst du wahrscheinlich einer von 25 Millionen Straßenhunden, die sowohl von Touristen als auch Einwohnern meist aus Angst gemieden werden oder du dienst als Haustier, darfst vom Teller essen und hast deinen persönlichen Dog-Walker. Tierliebhaber und Kritiker werden sich nicht einig, was das Hundeleben in Indien anbetrifft.img_7942_1

Während meines Besuchs in Indien habe ich sowohl einen Haushund kennengelernt als auch Dutzende Straßenhunde leiden sehen.
Hunde werden in diesem Land leider nicht sehr geschätzt: Ständig beobachte ich, wie sie von den Mülltonnen verjagt werden oder ihnen sogar Leid zugefügt wird, obwohl das vor dem  indischem Gesetz wohl illegal ist.
Und ich habe mich lange gefragt, warum die Inder so wenig Mitleid mit den Hunden haben.
Während in Deutschland jede zehnte Familie (auch Einzelpersonen) mindestens einen Hund als Haustier hütet, gibt es in diesem großen, dicht bevölkerten Land nur eine Handvoll davon.
Eine indische Frau erklärte mir, dass die Leute die Hunde meiden würden, weil es Aufgabe des Staates sei, sich um das Problem zu kümmern. Aber damit meinte sie nicht, dass sich der Staat um die hungernden Tiere kümmern soll, sondern darum, die Menschen zu schützen, indem die kranken Tiere von den Straßen geholt werden.
Leider muss ich der Frau zustimmen, immerhin sehen die meisten Hunde wirklich krank aus, und dass es jährlich etwa 17 Millionen Hundebisse gibt – und einige davon tödlich enden – lässt sich nicht beschönigen.
Andererseits sind die Straßenhunde in Indien nicht nur für Bisse verantwortlich, sondern sie haben auch schon Leben gerettet.img_8119_1
Es ist erst ein paar Tage her, dass vier Hunde ein ausgesetztes neugeborenes Baby entdeckt und  gerettet haben. Ein mir unbekannter, sehr gläubiger Inder hat mir erzählt, er halte sich von den Hunden fern, weil sie in seiner Religion, dem Hinduismus, als schlechte Wiedergeburt angesehen werden. Außerdem gibt es eine Verbindung zwischen dem indischen Totengott Yama und den Hunden. Viele haben mir den Mythos  über den Totengott und die Wiedergeburt bestätigt, haben aber auch zugleich gesagt, dass es für sie nicht der Grund ist, warum sie sich von den Straßenhunden fern halten.
Mich zumindest lassen die Blicke der teilweise sehr jungen Hunde nicht kalt. Ich habe mehrmals versucht ihnen, hier in Indien, etwas Futter und Wasser zu geben, leider wurde es mir von meiner Gastfamilie mehrmals „verboten“.
Zum Glück weiß ich, dass es Vereine (wie z.B. die Tierschutzorganisation ,,Blaues Kreuz Indien“) gibt, die den Vierbeinern wieder auf die Pfoten helfen.

Can I click a picture? (by Jakob and Lucas)

Can I click a picture? (by Jakob and Lucas)

Egal, an welchem Ort wir uns befinden oder zu welcher Tageszeit – überall schießen Inder „group pictures“,  Selfies oder am allerliebsten Fotos mit uns im Bild. img_7717_1Da nur wenige wie Herr Fahrad  von Natur aus mit zwei Selfie-Sticks ausgestattet sind, sieht man ständig die waghalsigsten Verrenkungen, um irgendwie den eigenen Kopf vors Motiv zu bekommen. Irgendwie scheint es wichtig zu sein, jedes, aber auch wirklich jedes Erlebnis auf dem „mobile phone“ festzuhalten und dann sofort per „whats app“ in die Welt hinauszuschießen. Davon bleiben auch unsere gemeinsamen Ausflüge nicht unberührt. Ständig ertönt der Ruf: „Group Picture, Group Picture“. Fast schon automatisch bringen wir uns in Stellung, bis auch das letzte Mobilphone geklickt hat.

lucas_beitrag-1Woher kommt dieser fast schon zwanghafte Drang, alles mit der Kamera festzuhalten? Wir befragen unsere Gastfamilien. Die meinen, dass man in Indien die ganze Familie an den eigenen Erlebnissen vor allem auch an bekannten Orten teilhaben lassen will. Selfies beweisen, dass man auch wirklich vor Ort war und das Motiv nicht einfach aus dem Internet kopiert hat. Besonders viel Anerkennung bekommt man für Selfies, in denen auch westliche Touristen auftauchen. Kaum tauchen Jacob oder Lukas auf – von den Indern regelmäßig als Hollywoodstar identifiziert – wird das Taj Mahal oder das Red Fort zum nebensächlichen Hintergrund. img_7556_1Es muss ein Familienfoto her. Und dann noch eins mit jedem Mitglied einzeln. Und dann noch mit der Oma, „pleeeeeease“! Ein Entrinnen gibt es kaum.

Klar gibt es hier regionale Unterschiede. In den Großstädten sind die Menschen aufgrund ihrer regelmäßigen „Touristensichtungen“ an blonde Weiße gewöhnt, aber auf dem Land kommen wir uns doch oft genug wie Aliens vor. Obwohl, wer möchte nicht mal von einer Horde kreischender Teenagermädchen angehimmelt werden.

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Natur pur! (by ma´am Ulrike)

Natur pur! (by ma´am Ulrike)

Langsam schlängelt sich der Jeep die steile Gebirgsstraße hinauf. img_8070_1Der Smog Delhis liegt weit hinter uns, die Luft ist trotzdem staubig – hier allerdings vom sandigen Straßenbelag. Immer weiter fahren wir in die Berge – die Ausläufer des Himalayas – um eine der unzähligen Hill Stations zu erreichen. Schon den Briten muss das hektische Großstadtleben auf  Dauer zu viel geworden sein und sie bauten sich überall in den Bergen kleine Oasen, wo vor allem auch im Sommer die Temperaturen deutlich erträglicher waren als im Flachland. Unser Ziel ist Chail, eine eher kleine Station ca. 2200 m hoch gelegen. Dieses Wochenende findet hier das Harley Davidson Jahrestreffen mit rund 500 Bikern aus ganz Indien statt. Die sind weder zu übersehen noch zu überhören. img_8105_1Aber ansonsten ist kaum jemand da. Auf zwei indische Familien treffen wir, die eine auf dem Weg zum Campen, in eine Art fertig aufgebauter Zeltstadt noch etwas höher in den Bergen gelegen. Ob die Zelte dort wohl beheizt sind, fragen wir uns angesichts der Kälte, die man sofort spürt, sobald die Sonne versinkt. Uns will einfach nicht in den Kopf, warum nicht mehr Familien zumindest für das lange Wochenende (Montag ist wieder einer der unzähligen indischen Feiertage) dem Moloch Delhi entfliehen und die 6 bis 7 Stunden Fahrt auf sich nehmen, um hier in wunderschöner, wenn auch nicht unberührter Natur die klare Luft zu atmen. Wir versuchen Erklärungen zu finden: Seit Modis Geldentwertungsplan fehlt es den Leuten schlicht an Bargeld und Kreditkarten werden eben nicht überall akzeptiert. Außerdem versuchen viele fieberhaft noch zu retten, was zu retten ist und stellen sich stundenlang in riesige Schlangen vor den Banken, die jetzt sogar am Sonntag geöffnet sind. Die haben schon mal keine Zeit zur Naherholung. Und dann fällt uns noch auf, dass viele Inder mit Natur pur nicht so richtig viel anfangen können. Denen ist es hier schlicht zu öde und langweilig. img_8104_1Wir sind die einzigen, die den wunderschönen, aber steilen Pfad zum Tempel zu Fuß erklimmen, die Biker und anderen Besucher fahren direkt vor den Eingang. Auch unsere indischen Begleiter werden schon ganz kribblig: „So ruhig hier. Gar nichts los“. Wir empfinden diese Ruhe – zum ersten Mal seit unserer Ankunft – sehr entspannend, stehen damit wir eher alleine da. Allerdings erfahren wir, dass es auch in Chail eine Hochsaison gibt. Im Juni und Juli ist wohl alles ausgebucht und es wird ein „Adventure Programm“ angeboten, damit nur keine Langeweile aufkommt. Dann dürfte es mit der beschaulichen Ruhe wohl auch nicht mehr so weit her sein.