Monthly Archives: Oktober 2017

Notizen aus dem Schulbus (by Liam)

Notizen aus dem Schulbus (by Liam)

Hitze, Schweißgeruch, drückende Enge. Wir sitzen wie jeden Tag in einem der stickigen engen Busse der Venkateshwar Schule und fahren zu einer der vielen Sehenswürdigkeiten in Neu Delhi. Laute Musik und Gekreische tönt aus den Reihen hinter uns, wo unsere indischen Austauschschüler Platz genommen haben. Mache schlafen, viele schauen auf ihr Handy und hören eigene Musik mit Kopfhörern. Das stetige Gehupe der Scooties (so werden hier die Motorroller genannt), Autos, Rikshas und Busse können wir mittlerweile schon erfolgreich ausblenden. Nur manchmal, wenn wieder eine der ausgefallen Truckhupen erklingt, die sich wie eine kurze Melodie anhört, schrecken wir noch auf. Hupen ist hier normal und scheinbar ein Muss für jeden Fahrer, vielleicht aus Angst, dass er sonst übersehen oder überhört werden könnte. Straßenregeln gibt es hier selbstverständlich, aber es hält sich ganz offensichtlich keiner dran. Zwischendurch steigt ein strenger Geruch von brennendem Plastik oder Kuhmist in die Nase.

Der Blick nach draußen zeigt Menschen, die durch die Autos hindurch durch die völlig überfüllten Straßen rennen und sich ihren Weg mit Handzeichen bahnen. Die ganze Zeit ruckelt und wackelt es im Bus. Besonders beliebt bei uns sind die vielen Bodenwellen, bei denen man kurzzeitig den Sitz verlässt und in die Höhe fliegt. Schlafen ist immer nur bis zur nächsten Welle möglich….

Dennoch gehören die Busfahrten immer dazu. Ständig gibt es Neues und Aufregendes zu sehnen. Fahrzeiten sind immer ohne Gewähr, da man nie voraussagen kann, wo und wie lange der Verkehr stockt, doch eines ist sicher: schneller als angekündigt, geht’s jedenfalls nie… Wir nehmen mittlerweile die in Deutschland übliche Fahrzeit mal vier. Aber auch mit dieser Rechnung liegen wir noch häufig genug daneben. Ganz egal, wie hektisch, laut und langsam der Verkehr in Indien sein mag, irgendwie kommen wir immer an.

Niemals Ruhe (by Marcel)

Niemals Ruhe (by Marcel)

Eigentlich sollten wir keinen Blogeintrag über den Verkehr mehr schreiben. Weil jede Schülergruppe sich an diesem Thema abarbeitet und es schon unzählige Einträge dazu gibt. Aber ich kann nicht anders. Der Straßenverkehr in Neu Delhi lässt mich nicht los. Keine Erzählung, kein Film, keine Fotos konnten mich auf das vorbereiten, was ich hier tatsächlich erlebe.

Die Straßen sind einfach immer voll, außer nachts, da beruhigt sich die Lage. Aber selbst als wir um 3 Uhr morgens am Flughafen in Neu Delhi ankamen, war alles voller Taxis und Rikshafahrer. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass Inder nie schlafen.Manche kaufen sich selbst um 3 Uhr morgens am Straßenrand bei Händlern noch etwas zu essen.

Der Verkehr kennt keine Ordnung, keine Regeln. Jeder versucht sich irgendwie mit seinem Verkehrsmittel durchzuzwängen, wobei die Hupe wohl das wichtigste Hilfsmittel ist. Es entstehen zum Teil Knoten, von denen man sich einfach nicht vorstellen kann, dass sie sich je wieder auflösen.

Man ist auf sich allein gestellt im Verkehr. Ampeln? Nur bedingt vorhanden und wenn, dann werden sie oft genug ignoriert. Braucht man in Deutschland für eine Strecke von 2 Kilometern 10 Minuten, können das hier locker bis zu 45 Minuten sein.

Fast unerträglich ist für mich die mangelnde Sicherheit. Eine ganze Familie mit Kleinkindern und Baby auf dem Arm zwängt sich auf ein einziges kleines Motorrad. Helme? Meistens Fehlanzeige. Oft genug sieht man bis zu 10 Leuten die auf der Ladefläche eines Lasters oder sogar auf dem Dach sitzen.

Ich sehe einen Jungen, wie er von einem Motorrad leicht angefahren wird, aber es geschieht gar nichts. Von der Polizei ist weit und breit nichts zu sehen. Der Verkehr wuselt einfach weiter.

Heimliche Liebschaften (by Rosa & Matthias)

Heimliche Liebschaften (by Rosa & Matthias)

Wir wissen gar nicht, was wir falsch gemacht haben, als Herr Just und Frau Weissenborn auf uns zueilen und dringend mit uns reden wollen. Wir sollten vermeiden, uns in der Öffentlichkeit und ganz besonders in der Schule zu nahe zu kommen. Die indischen Lehrer hatten sich darüber beschwert, dass wir uns vor indischen Schülern wie ein Paar verhielten. Das wird hier in Indien traditionell gar nicht toleriert. Die Schulleiterin sagt zwar, dass sie persönlich damit kein Problem hat, dass Eltern aber höchst empfindlich reagieren und sich lautstark beschweren würden. Das könnte sogar so weit gehen, dass sie ihre Kinder von der Schule nehmen, weil nicht genügend auf Disziplin geachtet wird.

Zunächst sind wir schockiert und können gar nicht nachvollziehen, warum Berührungen zwischen Jungs und Mädchen so ein großes Problem sind. In Deutschland ist es schließlich ganz normal, in unserem Alter einen Freund oder eine Freundin zu haben.

Aber dann erkennen wir den kulturellen Unterschied. Wenn wir jetzt im Rückblick darüber nachdenken, können wir uns auch die schrägen Blicke erklären, die die indischen Lehrer uns immer mal wieder zugeworfen haben. Wir fragen bei unseren Austauschpartnern nach. Verlieben sich hier Jugendliche tatsächlich nicht? Uns wird erklärt, dass viele Eltern dagegen sind, dass ihre Kinder einen Freund oder eine Freundin haben, bevor sie um die 20 sind. Deshalb dürfen sie nicht erfahren, dass es Paare im Austauschprogramm gibt. Dass indische Eltern eine so strenge Einstellung zu dem Thema haben, hält aber natürlich auch die indischen Jugendlichen nicht davon ab, sich zu verlieben. Es muss nur unbedingt ein Geheimnis bleiben, deshalb müssen sie sehr vorsichtig sein und erwachsenenfreie Zonen suchen. Es ist schon häufiger passiert, dass junge Paare versuchen, in der Schule einen unbeobachteten Platz zu finden, um sich dort geschützt von den Blicken Erwachsener zu küssen. Aber viele werden erwischt, weil jeder Winkel der Schule videoüberwacht ist. Dann müssen sie in das Büro der Direktorin. Meistens werden die Eltern informiert, von denen sie dann eine Strafe bekommen und gezwungen werden, die Beziehung zu beenden.

Auch in der Öffentlichkeit ist es für Inder jeden Alters undenkbar sich zu küssen. Deshalb verstecken sich viele Paare in Parks hinter Büschen oder in kleinen Höhlen. Dort fühlen sie sich unbeobachtet, was dazu führt, dass es nicht immer beim Küssen bleibt.

Im Vergleich zu Indien gehen wir in Deutschland sehr viel offener mit dem Thema um. Das wissen auch einige indische Eltern, und haben Bedenken vor allem ihre Mädchen auf einen Austausch mitzuschicken.  Bei Jungs machen sie sich weniger Sorgen. Wir denken, dass die Strenge der indischen Eltern vor allem dazu führt, dass indische Jugendliche mehr Geheimnisse vor ihren Eltern haben.

Mehr als nur ein Click für Instagram (by Dilara & Linet)

Mehr als nur ein Click für Instagram (by Dilara & Linet)

Das schneeweiße Gebäude mit seinen runden Kuppeln, seinen imposanten Verzierungen und den weitläufigen Gärten zieht jedes Jahr Millionen Touristen aus aller Welt an. So natürlich auch uns. Endlich besuchen wir das Taj Mahal, das im 17. Jahrhundert errichtet wurde und wie kein anderes Gebäude Indien repräsentiert. Die Geschichte hinter dem Monument ist so herzzerreißend schön wie das Gebäude selbst. Das Taj Mahal ist Sinnbild einer großen Liebe. Shan Jahan ließ es für seine verstorbene Lieblingsgattin in Agra als Mausoleum errichten. Das Gebäude gehört zu den „must-sees“ in Indien. Ohne eine Besichtigung des Taj Mahals ist eine Rückreise nicht möglich. Natürlich auch für uns nicht.

Was wird uns erwarten? Viele Touristen? Neues Instagram Bild? Ist das Taj Mahal wirklich so schön, wie wir es aus dem Internet kennen oder aus Erzählungen?

Also zunächst müssen wir an die 40 Grad aushalten, als wir uns dem Gebäude nähern. Man sieht nur die roten Eingangstore. Wir passieren Sicherheitsschleußen. Für uns Ausländer ist ein Besuch des Taj Mahals deutlich teurer als für Inder. Und dann erhaschen wir einen ersten Blick durch den Torbogen. Da stockt uns schon der Atem. Ja, es ist so schön, wie wir es uns vorgestellt hatten. Und wir bekommen unser Instagram Bild. Zum großen Glück für uns, ist das Gelände nicht so voller Touristen, wie wir gedacht hatten. Es ist Montag und es ist heiß, das hilft. Trotzdem gibt es noch genügend Besucher vor allem aus England und China, fällt uns auf.

Unsere Erwartungen haben sich mehr als erfüllt. Wir gehören jetzt zu den Glücklichen, die das Taj Mahal mit eigenen Augen gesehen haben.

Nationalhymne im Kinosaal (by Alisa)

Nationalhymne im Kinosaal (by Alisa)

Viele Reihen roter, plüschiger Sessel – der Geruch von Popcorn – eine Riesenleinwand, bester Sound. Jeder Platz ist besetzt. 300 Leute sind bestimmt hier. Alt und Jung, Kleinkinder und Babys.

Die Lichter gehen aus, die Werbung fängt an. Doch dann wird ein Aufruf zum Aufstehen eingeblendet. Etwas überrascht stehe ich mit allen anderen gemeinsam auf. Die indische Flagge erscheint auf der Leinwand und die Nationalhymne ertönt. Perplex frage ich meine Austauschpartnerin, ob dies vor jedem Kinofilm passiert. Sie antwortet wie selbstverständlich „ja“ und die Sache ist damit für sie abgehakt.

Der Film ‚The Twins 2‘ beginnt – eine wirklich abgedrehte Bollywood-Geschichte. Es geht um ein Zwillingspaar, das bei der Geburt getrennt wurde. Ein Terrorist entführt eines der Kinder und alle glauben, der Junge sei bei einer Explosion verunglückt. In Wirklichkeit überlebt er und wächst in Delhi auf, sein Bruder in London. Das Witzige und gleichzeitig Verrückte daran ist, dass sie nichts voneinander wissen, sich ihre Bewegungen aber aufeinander übertragen. Die Filmsprache ist Hindi ohne Untertitel, aber die Story ist so simpel, dass ich sie mir in weiten Teilen zusammenreimen kann. Auch tauchen in Hindi immer wieder englische Begriffe auf (Hinglish), sodass einiges sogar verständlich ist.

Natürlich, wie soll es auch anders sein bei einem Bollywood Film, wird auch viel getanzt, anders als erwartet jedoch mit modernen Einlagen. Es gibt viele witzige Stellen, an denen der Saal in lautes Gelächter ausbricht. Dennoch bleiben viele Fragen offen. Der Film spielt zu großen Teilen in London, dennoch sieht man überraschend wenig von der Stadt. Warum tanzen die Darsteller plötzlich am Strand? Soweit ich weiß, ist London nicht gerade für seine tollen Sandstrände bekannt. Auch scheinen in London nur Inder zu leben und alle sprechen Hindi. Die Antwort gibt mir meine Gastfamilie direkt nach dem Film. Schauplätze im Ausland sind bei Bollywood Produktionen sehr beliebt und nur zur Unterhaltung gedacht. Auf eine realistische Darstellung kommt es gar nicht an.

Nach 90 Minuten ist erstmal Pause. Die gibt es in jedem Film, ganz egal, wie lange er dauert.  Ich vermute mal, es wäre schwer für Inder, drei Stunden Film mit nur einer Portion Popcorn zu überstehen. Inder verbringen ihre Freizeit sehr gerne im Kino, mit der kompletten Familie, ganz unabhängig vom Alter. Ohne Reservierung ist an Wochenenden und Feiertagen kein Platz zu bekommen. Natürlich stehen Bollywood Filme auf dem Programm, aber auch Hollywood ist überall vertreten.

Eines steht fest: Ein Kinobesuch in Indien ist ein Erlebnis. Obwohl die Technik mindestens so gut ist wie in Deutschland, ist die Atmosphäre doch eine ganz andere. Und das liegt nicht nur an den superbequemen Stühlen, die sich weit zurücklehnen lassen. Man muss es ja auch lange genug auf ihnen aushalten.

Zwei Welten (by Annika & Sophie)

Zwei Welten (by Annika & Sophie)

Fließend Wasser? Ein Bett? Warmes Essen? Regelmäßig Strom? Klimaanlage?

Alles Annehmlichkeiten, die den vielen Indern, die in Slums wohnen, nicht zur Verfügung stehen.

Was sind überhaupt Slums?

Slums bestehen aus kleinen Hütten, die meistens aus einem bis zwei Zimmern bestehen, in denen die Bewohner kochen, essen und schlafen. Fließend Wasser haben sie nicht in ihren Hütten, dafür müssen sie an einen zentralen Platz, der einzige Ort mit fließend Wasser. Unseren hygienischen Standards entspricht das alles natürlich nicht. Die Hütten sind einfach gebaut und bestehen meist nur aus Schlamm, der zu Wänden geformt wird. Als Dächer dienen meist Wellbleche oder Folien, anstelle einer Haustüre hängt ein einfacher Vorhang vor dem Eingang.

Jeden Morgen und Abend fahren wir auf dem Weg zur Schule in unserem vollklimatisierten, bequemen Hyundai an den Slums vorbei und sehen, wie die Leute dort wohnen und leben müssen. Wir können uns kaum vorstellen, wie die Menschen dort den Tag bei weit über 30°C und immer noch 25°C in der Nacht, ohne irgendeine Möglichkeit der Kühlung überstehen können. Uns ist es schließlich schon nach 10 Minuten bei diesen Temperaturen zu warm und wir suchen ständig nach einem kühlen, schattigen Platz. Während wir uns bei unserer Gastfamilie mit einer schönen Dusche abkühlen können, bleibt den Menschen im Slum nur der Eimer mit dreckigem Wasser.

Einen richtigen Raum zum Kochen besitzen die meisten dort nicht. Wir sehen sie draußen auf dem Boden essen, oft genug noch „essbare“, Abfälle. Wir benutzen in weit besseren hygienischen Verhältnissen ständig unsere „hand sanitizers“, um uns ja keine Viren einzufangen. Wie lange würden wir wohl unter diesen Bedingungen durchhalten? Auch haben die Menschen in den Slums wenig Schutz vor Moskitos, da sie die meiste Zeit im Freien verbringen. Die Gefahr, dass sie an Malaria oder Dengue erkranken ist ungleich viel höher als für die Inder, die in festen Häusern mit Klimaanlage leben und in geschlossenen Autos durch die Gegend fahren. Wir sprühen uns dennoch großzügig mit dem Mückenspray „No Bite“ ein, um ja keinen Stich zu kassieren.

Offiziell ist das Kastensystem in Indien abgeschafft, in den Köpfen der Menschen existiert es jedoch nach wie vor. So gibt es selbst unter den Slumbewohnern eine gewisse Hierarchie. Das heißt, es gibt auch dort Inder, denen es besser geht und deren Häuser stabiler sind, während andere keinerlei Schutz besitzen und oft auf einer dünnen Pappe im Freien schlafen.

 Jeden Morgen und jeden Abend werden wir daran erinnert, wie gut es uns geht und wie ungleich Lebenschancen verteilt sind.

Mann und Frau sind gleichberechtigt – wirklich? (by Sabrina)

Mann und Frau sind gleichberechtigt – wirklich? (by Sabrina)

„My husband and I are equal. But in the back of my head, I still think him superior to me.“ (Mein Mann und ich sind gleichberechtigt. Aber im Hinterkopf habe ich immer, dass er mir überlegen ist.)

Im Gespräch mit meiner Gastmutter erfahre ich, dass Männer und Frauen zumindest vor dem Gesetz inzwischen gleichberechtigt sind. Jedoch betont sie sofort, dass es immer noch in vielen Köpfen verankert ist, sowohl bei indischen Frauen als natürlich bei ihren Männern, dass die Frau weniger Rechte besitzt (oder viel mehr besitzen sollte) als der Mann. Sie erzählt davon, dass sie in manchen Bereichen besser als ihr Mann sei und in manchen Bereichen sei er begabter, davon dass sie beide zur Arbeit gehen und dass sie sich beide um den Haushalt kümmern, jedoch in unterschiedlicher Weise. Während sie dafür sorgt, dass es täglich Essen gibt, kümmert er sich darum, dass der Strom da ist oder dass das Internet funktioniert. Sie sagt mir, sie halte sich für gleichberechtigt ihrem Mann gegenüber. Außerdem erzählt sie, sie sei froh, in einer so offenen Familie zu leben, die sich nicht in ihr Leben einmischt und ihr die Freiheit gibt, sich selbst zu entfalten. Denn viele Inderinnen haben dieses Glück nicht und stehen unter der Kontrolle ihres Mannes oder dessen Vater. Ihnen wird gesagt, was sie zu tun haben und wie sie es tun sollen. Oft bleiben diese Frauen zu Hause und kümmern sich um den Haushalt und die Kinder, überlassen (gezwungenermaßen) dabei die finanzielle Versorgung ganz ihrem Mann, haben somit auch keine Möglichkeit ohne ihn etwas zu erledigen und sind in allen Lebenslagen auf ihn angewiesen.

Auch in dem Gespräch mit meinem Gastvater höre ich ähnliches, dass er seine Frau für gleichberechtigt hält und dass er es sich auch gar nicht anders vorstellen könne. Er würde sie auch gar nicht „unter seiner Kontrolle“ haben wollen. Mir wird erzählt, dass die Vorstellung von einer männlichen Dominanz hauptsächlich auf die schlechte schulische Bildung vieler Inder zurückzuführen ist. Dies kommt laut meiner Gastfamilie nicht nur in armen Familien, sondern vor allem auch in reichen vor. Diese hätten zwar die Mittel, sich eine westliche Bildung leisten zu können, viele tun dies auch, halten aber trotzdem an der Idee fest, sie müssten ihre Frauen unterdrücken. Die Mutter fügte hinzu, dass sie auch jetzt noch vorsichtig ist, wenn sie abends alleine das Haus verlässt, denn nicht jeder teilt ihre und die Prinzipien ihres Mannes. Und trotz ihrer doch recht westlichen Auffassung betont sie immer wieder, dass sie ihren Mann immer noch über sich sieht, wenn auch nur im Hinterkopf. Sie meint, dieses Gefühl sei traditionell so verankert, dass es schwer sei, sich von diesem Gedanken zu lösen. Zwar beeinflusst es ihr tägliches Leben nur wenig, aber das Gefühl sei immer da.

                                          

Von Haaren und der Religion (by Amelie)

Von Haaren und der Religion (by Amelie)

Did you cut off your hair?“, fragt mich meine Gastmutter. So beginnt ein interessantes Gespräch über Religion zwischen uns, die in meiner Gastfamilie eine große Rolle spielt. Sie sind Sikhs und unterscheiden sich von den anderen Gastfamilien in einigen Bräuchen.

Ich schaue mich im Haus um. Überall stehen Gemälde der gleichen Person, die geschlechtslos scheint. Auf manchen dieser Gemälde steht „Baba Fateh“. Es ist der Guru, den die Familie verehrt. Meine Partnerin sitzt gerade mit dem Handy in der Hand auf ihrem Bett, als ich ihr Zimmer betrete. Auch hier hängen mehrere Bilder von „Baba Fateh.“ Sie zeigt mir etwas auf dem Handy und mir fällt auf, dass auch ihr Hintergrundbild den Guru zeigt.

Die Männer des Hauses tragen heute, so wie an jedem Tag ihre traditionellen Turbane, die Frauen flechten ihre Haare zu Zöpfen, die zum Teil bis zu den Knien reichen. Der kleine Cousin, 5 Jahre alt, trägt einen „Patka“, das ist eine Kopfbedeckung, die von kleinen Jungs getragen wird, bevor sie ihren ersten Turban bekommen.

Im Bus, auf dem Weg in die Schule, spreche ich Kishika an, ob sie es sich vorstellen könne, beim nächsten Austausch mit nach Deutschland zu kommen. Sie antwortet, dass sie dies sehr gerne würde, jedoch ihre Haare nach dem Waschen nicht selbstständig pflegen könne und ihre Eltern, wie bei vielen indischen Familien, eine Reise ins Ausland nicht gut finden würden.

Inzwischen habe ich mehr Fragen als Antworten und recherchiere auch im Internet, um mehr über diese Religion herauszufinden.

Die Sikhs haben ungeschnittenes, jedoch sehr gepflegtes Haar, was von der Religion, allerdings nur für die Männer, vorgeschrieben wird. Das meterlange Haar wird in einem Turban hochgebunden, so wie ich das auch bei meinem Gastvater sehe. Für Frauen gibt es keine solche Vorschrift und trotzdem tragen Mutter und Tochter in meiner Familie ihre Haare extrem lang. Sie führen damit eine alte Familientradition fort, erklären sie mir.

Für mich ist es unglaublich interessant, in einer Familie mit einer solch anderen Religion zu leben.

(Quelle: https://www.flickr.com/photos/archer10/2215107030)

Indische Kettenreaktion (by Ma’am Ulrike)

Indische Kettenreaktion (by Ma’am Ulrike)

Parantas, Dosas. Chole Bhatura, Idli Sambhan, Poha, Upma, Puri Sabji, das Frühstücksbuffet biegt sich unter den Köstlichkeiten der indischen Küche. Aber früh um 7 sendet mir mein Magen ein eindeutiges „Nein“. Würzig und scharf geht nicht – noch nicht! Gänzlich unbeachtet finden sich in einem Eck Kellogs Cornflakes – der Globalisierung sei Dank. Natürlich nur mit warmer Milch, damit es schön matschig wird. Also frage ich nach kalter Milch und es kommt, wie es immer kommt – mein harmloser Wunsch löst eine Kettenreaktion aus.

Mindestens sechs Mann sind jetzt in Bewegung, diskutieren auf Hindi, gestikulieren wild, lächeln mir gelegentlich zu. Die Tür zur Küche öffnet und schließt sich mehrfach – ganz eindeutig ist Bewegung in der Sache. Nur die Milch kommt halt nicht. Längst sitze ich auf meinem Platz und beginne die Cornflakes trocken zu essen, da kommt sie dann doch, in einem hübschen Krug, serviert mit einem gewinnenden Lächeln.

Das ist nicht die Ausnahme, sondern der ganz normale Alltag. Einfache Aufgaben werden von maximal vielen mit größtmöglichem Aufwand, aber nach westlichen Maßstäben ineffizient bearbeitet, was manchmal viel Nerven kostet. Warum nur ist das so?

Viele Menschen, oft mit wenig Bildung, die alle Arbeit brauchen? Sicherlich. So hat beispielsweise jeder Busfahrer einen Begleiter, dessen Aufgabe sich darin erschöpft, uns beim Aussteigen zu helfen und ab und an Wasser zu besorgen.

Aber es liegt auch an der rigiden Befehlsstruktur – vermutlich noch ein Überbleibsel aus der Kolonialzeit. Der Hilfskellner muss meinen Wunsch an den Kellner weiterleiten, der an den Oberkellner, der an den Manager – danach muss das „o.k.“ wieder die ganze Befehlskette nach unten wandern, da der Manager nie direkt mit dem Hilfskellner spricht. Dabei macht es übrigens kaum einen Unterschied, ob man in die Hierarchie von oben, von unten oder in der Mitte einsteigt. Jedes Anliegen muss die komplette Struktur durchlaufen, Abkürzungen sind nicht vorgesehen. Einfach selbst mit anpacken, damit es schneller geht, ist leider auch nicht drin.

Strukturen, die den indischen Alltag beherrschen und denen man nur mit Geduld und viel Humor begegnen kann. Aber auch in der Geschäftswelt tut sich was. In der Produktion sind die Arbeiter genau wie in Deutschland zum Teil einfach wegrationalisiert. Bei einem Besuch in einer der größten Druckereien Asiens, wo täglich 1,7 Millionen Exemplare der „Times of India“ gedruckt werden, sticht eines sofort ins Auge: Es sind nur wenige Menschen zu sehen. Qualifizierte Fachkräfte steuern und überwachen die hochmodernen Druckmaschinen aus Deutschland. Das Sortieren und Verpacken übernehmen schwedische Maschinen. Selbst das Verladen auf die Transportfahrzeuge geschieht maschinell. Die übliche Ansammlung von Arbeitskräften sehen wir nur am Empfang, wo einer das Tablett hält, ein zweiter die Plastikbecher draufstellt und ein dritter das Wasser einfüllt.

Wie so oft ist es die Gleichzeitigkeit der Gegensätze, die das Land so rätselhaft und zugleich so faszinierend macht. Also Vorsicht vor voreiligen Verallgemeinerungen.

Sahnetorte zum Geburtstag (by Katalin)

Sahnetorte zum Geburtstag (by Katalin)

Kaum wird der Kuchen aufgeschnitten, landet er auch schon im Gesicht des Geburtstagkindes  – typisch für einen indischen Geburtstag.

Familie und enge Freunde kommen und essen zusammen in einem teuren Restaurant. Nebenbei wird geredet, es werden Bilder geschossen und die festliche Kleidung der anderen bewundert. Vor allem wir Deutschen werden schon fast als „Attraktion“ gesehen und unzählige Bilder werden von und mit uns gemacht. Die Kinder sind total fasziniert von uns und haben sehr viel Fragen. Für sie stehen wir und nicht das Geburtstagskind im Mittelpunkt. Für das Geburtstagskind selbst ist es wohl eine unfassbare Ehre, dass sie deutsche Gäste an ihrem Geburtstag zu Besuch hat.

Drei Stunden lang werden verschiedene Speisen und Getränke nacheinander serviert. Später gibt es noch Kuchen. Wie es hier Tradition ist, wird der Sahne-Kuchen aufgeschnitten und die einzelne Stücke ins Gesicht des Geburtstagskindes geschmiert. Erst denke ich, dass die Geschwister den Mund nicht richtig treffen. Später wird mir erklärt, dass dieses Verschmieren beabsichtigt sei.

Den typischen Kindergeburtstag wie in Deutschland gibt es hier nicht. Es ist mehr ein Familientreffen. Geschenke gibt es direkt am Geburtstag, sie sind aber nicht so wichtig. Gefeiert wird am Wochenende und dann auch spät abends, wenn jeder Zeit hat. Vorher gibt es keine Gelegenheit, sich zu treffen, da alle Erwachsenen arbeiten.

Die Familie steht im Fokus. Trotzdem ist der Geburtstag kein so bedeutendes Familienfest wie in Deutschland. Es gibt hier viele andere und wichtigere Feste. Der Geburtstag ist somit nur eines von vielen.