Unsere 10m² Schutzraum (by Alissa W.)

Unsere 10m² Schutzraum (by Alissa W.)

Wir steigen wie so oft in unseren Bus ein. Die Türen schließen sich hinter uns, alle nehmen ihre Plätze ein. Musik wird angemacht, Klimaanlagen eingestellt, Getränke ausgepackt. Der Bus ist hier unser hauptsächliches Fortbewegungsmittel, das uns überall hin begleitet und irgendwie auch zu unserem Zufluchtsort geworden ist. Ein Zufluchtsort vor den unfassbar heißen Temperaturen, der staubigen Luft, den Gerüchen, dem Lärm und den vielen Leuten, die uns so oft anstarren, uns penetrant Sachen andrehen wollen oder sogar ungeniert Fotos von uns machen. Dem Chaos und den vielen Eindrücken. Nicht dass das nicht auch wahnsinnig interessant wäre. Irgendwie haben wir uns ja auch ziemlich schnell daran gewöhnt, sodass all das mittlerweile eigentlich schon ganz normal geworden ist und wir diese Reizüberflutung vielleicht sogar in Deutschland etwas vermissen werden. Aber manchmal wird der Trubel einfach zu viel und die geballte Indienerfahrung einfach anstrengend. In solchen Momenten wirkt die 2 cm dicke Glasscheibe zwischen uns und der Außenwelt wie eine Schutzbarriere.

Wenn wir dann in unserem Bus durch die Straßen fahren, kann ich den Blick kaum vom Fenster abwenden. Die Welt da draußen erinnert an die riesigen Wimmelbilder, die wir noch aus unserer Kindheit kennen, nur dass wir keine versteckten Spielzeuge zwischen den vielen bunten Eindrücken entdecken, sondern Kühe, die einfach umherstreunen wie Straßenhunde, Leute, die auf den Ladeflächen fahrender Laster Karten spielen, Männer, die auf ihren klapprigen Motorrollern fahren und dabei 3 Meter lange Metallrohre unterm Arm halten und dadurch genauso viel Platz in Anspruch nehmen wie zwei PKWs. Aber auch bettelarme Familien, die auf dem Grünstreifen in der Mitte der Schnellstraße zwischen ihren wenigen Habseligkeiten auf dem dreckigen Boden liegen und aus Dingen, die wir für Müll halten würden ihr Zuhause ohne Dach und Wände eingerichtet haben. Kleine Kinder, die alleine an der roten Ampel zwischen den Autos umherstreifen, an Scheiben klopfen, um Rosen zu verkaufen. Genaugenommen müssen sie erst die Leute anbetteln, ihnen überhaupt die Scheibe zu öffnen. Irgendwie fühlt es sich dabei so an, als würden wir in unserer eigenen kleinen Welt, begrenzt durch die Karosserie unseres Busses, durch die richtige Welt Indiens fahren. Wir sind mittendrin, erleben alles hautnah mit, sind aber auch gleichzeitig weit weg davon und nähern uns allenfalls der Grenze. Sobald man aussteigt und selbst durch die Straßen läuft, verändert sich das. Als wären wir jetzt über die Grenze geschubst worden und schlängelten uns nun durch das Chaos hindurch, nur darum bemüht einen gewissen Sicherheitsabstand zu halten, ohne uns deshalb weniger mittendrin und ganz nah dran zu fühlen. Ein Perspektivenwechsel vom Beobachter zum „blonden Marsmenschen“ der die bunte, unordentliche und ‚interessant‘ riechende Alltagswelt Indiens erforscht.

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