Auf Händen getragen (by August W.)

Auf Händen getragen (by August W.)

“No thanks” ist wohl der Satz, den ich in den letzten Tagen am meisten gesagt habe. Egal, ob man nach Hause kommt oder bei anderen zu Besuch ist, die Eltern oder die Angestellten bringen einem Essen, Trinken oder Snacks, ob man will oder nicht. Wenn man nichts isst, machen sich alle sofort Sorgen oder fühlen sich angegriffen. Am ersten Tag beim Frühstück wurden mir gleich viele verschiedene hausgemachte Gerichte vorgestellt, die Mutter von Adhaar wollte sogar auf ihren Teil verzichten, um ihn mir anbieten zu können. Jeden Tag darf ich mir ein Getränk aus dem immer vollen Kühlschrank aussuchen, auch hierbei wird geschaut, dass ich auf keinen Fall zu wenig einpacke.  Aber es gibt auch kleinere Gesten der Gastfreundschaft. Mir wird zum Beispiel immer die Tür aufgehalten und ich werde häufig gefragt, ob es mir gut geht. Auf Dauer wird dieser Umgang aber auch etwas anstrengend, weil ich diese Art von Extrabehandlung gar nicht gewohnt bin. Ähnlich verhält es sich mit dem Bezahlen. Erst am fünften Tag „durften“ viele von uns zum ersten Mal Geld ausgeben, aber auch das nur, weil die Austauschpartner auf dem Ausflug nicht dabei waren. Als Adhaar mich dann gefragt hat, was ich denn gekauft habe, wollte er mir sofort alles erstatten, obwohl ich natürlich darauf bestand, dass das absolut nicht nötig sei. Er grinste nur, „You will find this money in your bag“ (Du wirst das Geld in deinem Koffer finden).

In der Schule wurde am ersten Tag das komplette Sportfeld für uns geleert, obwohl gerade Unterricht war, nur damit wir zu zehnt Fußball spielen konnten. Für die indische Gastfreundschaft gibt es unendlich viele Beispiele. Das zeigt, wie sehr die indische Kultur Gäste schätzt und wie zuvorkommend sie behandelt werden. Aber nicht jeder ist so nett und höflich wie die Gastfamilien. Auf Straßenmärkten, vor Tempeln oder generell an Plätzen, an denen sich viele Menschen befinden, wird man als Ausländer auch mal schnell zu Freiwild. Ständig wird man fotografiert und wir hatten auch schon Fälle, in denen sich Fremde einfach dreist in unser Gruppenfoto schmuggelten, während ihre Freunde das Foto schossen. Da würde man sich schon wünschen, die Gastfreundschaft der Familien ließe sich auch auf das Leben in den Straßen übertragen.

So angenehm es auch ist von den Familien so verwöhnt zu werden, kann ich mich doch nicht so recht daran gewöhnen. Eigentlich habe ich schon seit zwei Wochen ein permanent schlechtes Gewissen.

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