„Fühlst du dich nicht verlassen?“ (by Julie)

„Fühlst du dich nicht verlassen?“ (by Julie)

Die “klassische” Familie, wie wir sie kennen mit Eltern und Kindern in einem Haus, gibt es hier in Indien zumeist nicht. Oft wohnen hier mindestens sieben Leute unter einem Dach – je nach Einkommen auch mit Angestellten.

Ich lebe in meiner Gastfamilie mit 12 Familienmitgliedern verteilt auf zwei kleine Stockwerke mit fünf Schlafzimmern und einem sehr kleinen Raum im Treppenhaus, wo das Hausmädchen schläft. So richtig getrennt sind die Stockwerke nicht voneinander – mitten durch den Flur zieht sich ein großes Gitter, durch das man sich jederzeit sehen und auch unterhalten kann. Zwei bis drei Leute teilen sich auf unserem Stockwerk immer ein Zimmer – Privatsphäre Fehlanzeige!

Als meine Austauschschülerin mir das erste Mal von ihrer Großfamilie erzählte, hatte ich Bilder von Chaos, Geschrei und Unruhe im Kopf. Ich hatte mir das Leben zuhause äußerst turbulent ausgemalt. Tatsächlich läuft der Alltag aber sehr organisiert ab, jeder erledigt die Aufgaben, die er zugeteilt bekommt.

Gleich nach meiner Ankunft in Delhi zeigt mir meine Gastfamilie ganz stolz das neue Haus, in das sie bald einziehen werden. Es ist deutlich größer als das jetzige mit mehr Schlafzimmern. Als meine Familie mich herumführt, zeigen sie mir auch die beiden neuen Zimmer für meine Austauschpartnerin und ihren kleinen Bruder. Zu meiner großen Überraschung erklären sie mir aber sofort, dass sie trotz eigener Zimmer nachts selbstverständlich noch ein Bett teilen würden.

Für mich unvorstellbar, ständig alle Familienmitglieder um mich herum zu haben oder gar ein Bett mit ihnen zu teilen! Als ich aber das Thema mit der Kusine meiner Austauschpartnerin anspreche, ist sie total schockiert darüber, dass „nur“ meine Eltern, meine Schwester und ich in unserem Haus leben. Ich erzähle ihr auch, dass ich öfters allein zu Hause bin. Sie fragt mich sofort, ob ich mich da nicht verlassen fühlen würde. Ich hatte darüber noch nie zuvor nachgedacht, auch weil ich mich nicht verlassen fühle, wenn ich mal alleine bin. Für mich ist es schon eher ungewohnt so viele Leute um mich zu haben.

Hier in Indien bedeutet die Familie alles, auch weil ohne diesen Zusammenhalt vieles gar nicht funktionieren würde. Davor habe ich sehr großen Respekt.

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